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Holger Artus

Routine und Neues bei der Begleitung von Stolperstein-Patenschaften

Mit der Verlegung von mehreren Stolpersteinen am 8. Juni 2024 in Hamburg-St. Georg konnte ich eine ursprünglich nicht geplante Aktivität erst einmal abschließen. Sie ergab sich aus den elf Stolpersteinen für die Familie Hartmann vor der Stiftstraße 10-16. Auf der einen Seite ist so ein überschaubares Projekt durch Routine geprägt, anderseits nutzt die gar nichts, da man es mit jeweils unbekannte Menschen zu tun hat, mit denen man in den Austausch kommen möchte.

Weder wohne ich in St. Georg, noch wirke ich dort irgendwie kontinuierlich. Zu den politischen und zivilgesellschaftlichen Akteuren:innen habe ich keine oder wenig Beziehungen, mein Agieren ist wertlos, weil das aufgebaute keine Fortsetzung findet oder nützt. Dennoch habe ich Neues gelernt, was mir für andere gleichgelagerte Prozesse helfen könnte. Am den fünf Treffen vor Stolpersteinen haben insgesamt 25 Personen teilgenommen.

Routine

Im Ergebnis der Recherche wurden Nachbarschafts-Infos zu Emma Levy, Auguste und Clara Renner abgestimmt und verteilt. In dem etwas über die Personen erzählt wird, so meine Hoffnung, denken die Menschen eher darüber nach, eine Patenschaft für einen Stolperstein zu überprüfen. In diesem Fall gab es einen Partner, der bereit war, im Briefkopf mit aufzutreten und eigenständig agierte. Das besondere war, dass er über entwickelte Beziehungen in der Nachbarschaft verfügte, so dass die Glaubwürdigkeit der Überprüfung einer Patenschaft über ihn transportiert wurde. Dadurch, nicht durch die Info, entstand eine Dynamik, die mehr als nur einen Stolpersteine ermöglichte.

Mit dem Bekanntwerden am 8. Juni 2024 als Verlegetermins war die weitere Routine, die Transparenz darüber herzustellen und eine neue Info verteilt, wann der ist und was geplant ist. Die Auflagen bewegten sich in der Microkommunokation, bei 25 bis 80 Exemplare. In der Addition betrug die Auflage insgesamt 220 Infos. Deren erhoffte Wirkung zeigte sich mir an drei Punkten. Beim klingeln sagte mir jemand: „Kein Interesse, aber ich lasse sie gerne rein, damit sie es in den Briefkasten stecken können und meine Nachbarn Bescheid wissen.“ Ein anderer Nachbar kam vor dem eingeladenen Zeitpunkt und legte Blumen nieder, ohne an unserem Treffen teilzunehmen. Das dritte war die Teilnahme von Menschen aus fünf von elf Häusern. Die nachbarschaftlichen Gespräche am Stein sind immer sehr herzlich und emotional. Sie sind für mich ein wesentlicher Punkt der Kommunikation.

Meine Adressaten waren nicht nur die unmittelbare Nachbarschaft, sondern institutionelle Träger in dem Gebiet, wo ich eine Nähe zum Thema vermutete. Das ist klassische Mailkommunikation. Sie nahmen an einzelnen Verlegungen teil. Im Fall von Alfred Sachs gab es weder den Kreuzweg 13 noch irgendwelche adressierbare Personen mehr, so dass es zum ihm nur ein Info gab, die über Social Media gepostet wurde. Das funktionierte in dem konkreten Fall sehr gut, aber die Teilnahme an der Verlegung war sehr gering.

Routine ist für mich auch die Kommunikation über Social-Media, deren Reichweite generell abnimmt (weil zu viel und erwartbar), die nichts bei mir mit der konkreten Nachbarschaft zu tun hat. Das posten der Erzählung über meinen Blog führt manchmal zu vielen Zugriffen für meine Verhältnisse (bis 100). Sie generiere ich vor allem über Social Media.

Neues

Erstens: wenn es in einem Haus eine entwickelte Nachbarschaft gibt, wirkt sie als Multiplikator, es kommen mehr zum Treffen am Stolperstein. Wenn es gute Beziehungen in die Nachbarschaft gibt, stärkt es die Glaubwürdigkeit bei der Überprüfung eines Patenschaft. Wenn die Multiplikatoren:innen persönlich bekannt sind, stärkt es die Bereitschaft. Neben den Mail-Reaktionen hatte ich diesmal auch telefonische Rückmeldung.

Bei der Recherche zu den italienische Militärinternierten wende ich immer auch an die Geburtsgemeinde der verfolgten Menschen. In einem Fall, da die Geburtsstadt nicht Hamburg war, schickte ich sowohl die Nachbarschafts-Info über die Recherche-Ergebnisse und die Einladung zum Treffen an die örtliche Gemeinde. Darüber bekam ich einen Angehörigen- Kontakt.

Mit den Kranken-Morden der Nazis hatte ich mich bisher sehr wenig befasst. Da am 8. Juni 2024 auch zwei Stolpersteine (Emilie Warnecke, Eduard Reinitz) für zwei von ihnen verlegt wurden, habe ich dazu etwas aufgeschrieben. Dank neuer Quellenlagen kann ich hier jetzt etwas sicher agieren.

Nicht Routine

Jede Recherche, jedes aufschreiben, ist immer eine eigene und neue Erzählung, worüber ich auch am Schicksal der Menschen Anteil nehme. Das bleibt immer ein sehr trauriger Vorgang. Man erfährt oder recherchiert so wenig, dass man eigentlich gar nichts weiß, außer bestimmte Lebensstationen. Die Verfolgung, das Leid, aber auch das Behaupten unter schwierigen Lebensbedingungen, den Mut, der aufgebracht wird, kann man nicht erzählen, weil die Unterlagen nichts darüber erzählen.

Weiter Stolpersteine sind für mich noch Thema in St. Georg. Hier muss ich die entstandenen Kontakte jetzt aber erst wieder neu angehen.

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