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Holger Artus

Ein Stolperstein für Emilie Warnecke vor der Danziger Straße 19

Am 8. Juni 2024 wird vor der Danziger Straße 19 eine Stolperstein für Emilie Warnecke verlegt. Sie war ein Opfer der nationalistischen begangenen “Euthanasie”-Verbrechen, der Ermordung hunderttausende kranker und behinderter Menschen. Insgesamt wurden im Rahmen der „Euthanasie“-Verbrechen in ganz Europa etwa 200.000 bis 300.000 Menschen getötet. 

Um was geht es?

Diese kleinen Messingsteine finden sie überall in Hamburg, sie erinnern an die NS-Opfer von 1933 bis 1945. Sie liegen auch in fast jeder Straße St. Georgs. So gibt es z.B. einen für Wilhelmine Cammann vor der Danziger Straße 6. Sie lebte wie Emilie Warnecke in den damaligen Alsterdorfer Anstalten und wurde wegen ihrer Behinderung ermordet. Das NS-System ermordete in Hamburg tausende jüdische Menschen, Kommunisten:innen und Sozialdemokraten:innen, Homosexuelle, behinderte und kranke Menschen, Roma und Sinti sowie weitere Menschen, die nicht in das völkische oder rassistische Bild der Nazis passten. 

Wir sind am  Sonnabend, den 8. Juni 2024 um 16.45 Uhr, vor der Danziger Straße 19 und würden Blumen am neuen Stolperstein niederlegen. 

Was ist über Emilie Warnecke bekannt?

Emile Warnecke wurde am 7. September 1876 in Hamburg geboren. Die Familie wohnte zu diesem Zeitpunkt in der St. Georger “Hartwigstraße 16”, heute die Stiftstraße vom Steindamm Richtung Berliner Tor. Seit 1898 wohnte die Familie in dem dreistöckigen Haus in der “Neuenstraße”, wie die heutige Danziger Straße bis 1900 hieß. Über die Eltern wissen wir nur, dass der Vater Zimmermann war. Emilie lebte auf Grund ihrer Beeinträchtigung in den Alsterdorfer Anstalten. Ab wann, können wir Ihnen zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen. 

Über die Alsterdorfer Anstalten

Die Alsterdorfer Anstalten, heute Evangelische Stiftung Alsterdorf, sind heute ein Vorbild für gelebte Inklusion. Das war nicht immer so: In der NS-Zeit waren die Alsterdorfer Anstalten eine abgeriegelte psychiatrische Einrichtung. Durch einen Zaun und Mauern abgeriegelt waren die einstigen Alsterdorfer Anstalten vor allem während des Nationalsozialismus ein Ort des Schreckens. Von 1938 bis 1945 wurden 630 Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen aus der Einrichtung in Tötungsanstalten, wie zum hessischen Hadamar, aber auch nach Rothenburgsort in Hamburg, Wien und weiteren Orten deportiert. Die meisten von ihnen wurden nachweislich ermordet. 

Deportation nach Wien

Emilie Warnecke gehörte wie Wilhelmine Cammann zum letzten großen Vernichtungstransport von Pfleglingen der Alsterdorfer Anstalten vom 16. August 1943 nach Wien. Mit diesem Transport wurden 41 weibliche Kinder und Jugendliche im Alter von 3 – 17 Jahre, gemeinsam mit 187 erwachsenen Frauen deportiert. Von den 41 abtransportieren Kindern verstarben 32 bis zum Ende des Krieges in den Wiener Anstalten.

Die Pfleglinge wurden zunächst mit Bussen aus den Alsterdorfer Anstalten nach Harburg gefahren, von wo aus sie mit dem Zug nach Wien weitertransportiert wurden. Die Insassen wurden in die „Wagner Jauregg – Heil – und Pflegeanstalt der Stadt Wien“ und die „Wiener städtische Nervenklinik für Kinder im Spiegelgrund“, welches eine Wiener „Kinderfach- abteilung“ war, deportiert. Diese Anstalt war ein Zentrum der „Euthanasie“ und „Musteranstalt“ des „Reichsausschusses“. Am 4. März 1944 starb Emilie Warnecke.

Die Vernichtung „lebensunwerten Leben“ in der NS-Zeit

Für das NS-Regime handelte es sich um die Vernichtung “lebensunwertes Leben”. Im Oktober 1939 unterschrieb Adolf Hitler einen Erlass, der die Tötung der kranken Menschen zum Inhalt hatte. Auf der Basis wurde ein Vorgehen entwickelt, das die Bezeichnung “T4” bekam. Die Abkürzung steht für “Tiergartenstraße 4”, wo der Sitz der Organisation der Vernichtungsaktion war. Die „T4“-Aktion wurde von Hitler zwar am 24. August.1941 offiziell gestoppt, weil trotz der Geheimhaltung der Unmut in Teile der Bevölkerung zunahm. Dieser „Stopp“ der „Euthanasieaktion“ hatte jedoch nicht zur Folge, dass die Tötung der Kinder und Erwachsenen mit Behinderung ein Ende fand. Lediglich die Art der Tötung – die Vergasung – wurde ersetzt durch Tötungen aufgrund von Medikamentengabe („Abspritzen“) oder Nahrungs- und Pflegeentzug. 

Warum erinnern?

Niemals sollen diese Menschen vergessen werden. Sie konnten lachen und weinen, erlebten Freude und Angst. Jede und jeder von ihnen war einzigartig. 

Vielleicht sehen wir uns am 8. Juni 2024? Wir würden uns freuen.

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