Ansichten

Holger Artus

Vom Monte Grappa nach Bozen ins KZ Dachau und weiter nach Neuengamme verschleppt

| Keine Kommentare

Über Sebastiano Ziliotto als italienisches NS-Opfer aus Crespano del Grappa im KZ Neuengamme gab es wenig zu erzählen. Dennoch wurden es drei Texte: das wenige bekannte, seinen Weg nach Neuengamme und Überlegungen zu seinem Todesort.

Am 22. Oktober 1944 wurden rund 2.000 Menschen aus dem Konzentrationslager Dachau in das Konzentrationslager Neuengamme bei Hamburg deportiert. Sie sollten in verschiedenen Außenlagern Zwangsarbeit für kriegswichtige Projekte des NS-Regimes leisten. Dazu gehörten Produktionslager wie Bremen-Schützenhof, Wilhelmshaven und die Deutsche Werft, Lager für die Trümmerbeseitigung wie Dessauer Ufer, Spaldingstraße und Bullenhuser Damm sowie Außenlager, in denen militärische Befestigungsanlagen errichtet werden mussten. Zu diesen gehörten u.a. Meppen-Versen, Husum-Schwesing und Ladelund.

Unter den Deportierten befanden sich auch 400 Italiener. Einer von ihnen war Sebastiano Ziliotto, der in Crespano del Grappa am Monte Grappa lebte. Während der deutschen Militäroperation „Piave“ Ende September 1944 wurde er verhaftet. Gemeinsam mit ihm nahmen die deutschen Besatzer 44 Bewohner aus den Orten rund um das Gebirgsmassiv fest. Sie wurden in das „Durchgangslager Bozen“ deportiert. Allein aus der kleinen Gemeinde Crespano del Grappa stammten 13 der Verhafteten.

1BolzanGiuseppe27.02.19232BolzanLeonildo05.07.19233BortolazzoGiovanni21.12.19244BortolazzoWalter20.11.19215BrionMarcello11.06.19246ManioneAlmo03.01.19247MorosinPietro28.06.19268RossiRomeo26.05.19249SavioGiovanni15.03.192410SavioJohann (Giovanni)30.10.192311ZiliottoEgidio03.03.192312ZiliottoSebastiano15.05.192413ZiliottoZeffirino01.07.1924

Die Deportation nach Deutschland

Am 5. Oktober 1944 verließ ein Transport das Lager Bozen in Richtung Dachau; die Ankunft dort erfolgte am 9. Oktober. Die meisten der aus Bozen deportierten Männer wurden anschließend in Außenlager des KZ Dachau überstellt. Zu diesen gehörten Überlingen (12), Saulgau (2), Natzweiler (6) und Mühldorf(8). Ein anderer Transport führte in das Außenlager Bad Gandersheim (5) des Konzentrationslagers Buchenwald. Sebastiano Ziliotto gelangte als einziger nach Norden in das Konzentrationslager Neuengamme. Sein Name stand zunächst nicht auf der Transportliste. Erst in einer Nachtragsliste für gestrichene Personen wurde er zusammen mit weiteren 161 Namen aufgeführt.

Sebastiano Ziliotto: Ein ungeklärtes Schicksal

Wie die anderen Menschen, die am 22. Oktober 1944 aus Dachau nach Neuengamme deportiert wurden, könnte Ziliotto anschließend in einem der Außenlager des KZ Neuengamme eingesetzt worden sein. In welchem Lager er tatsächlich ankam, ist bislang nicht belegt. Eine mögliche Spur führt ins Außenlagern Husum-Schwesing und Ladelund. Dafür sprechen Überlegungen zur Zusammensetzung der Transporte und zu den Häftlingsnummern. Die Nummernkreise der italienischen Häftlinge lassen auf größere Gruppen schließen, die unter anderem nach Meppen-Versen oder in den Raum Husum und Ladelund gelangten. Eine eindeutige Zuordnung Sebastiano Ziliottos zu einem dieser Lager ist damit jedoch nicht möglich und Spekulation.

KZ-Außenlager Husum-Schwesing und Ladelund

Am 25. September 1944 wurden etwa 1.500 männliche Häftlinge in das Außenlager Husum-Schwesing gebracht. Am 10. Oktober folgte ein weiterer Transport mit rund 1.000 Häftlingen. Laut Küchenbuch befanden sich am 19. November 1944 insgesamt 2.498 Häftlinge in Husum. Am 1. November waren bereits die rund 1.000 Männer des zweiten Transports in das Außenlager Ladelund weitertransportiert worden.

Der Arbeitseinsatz in Husum begann am 27. September 1944. Der größte Teil der Häftlinge musste Panzergräben ausheben. Die Arbeits- und Lebensbedingungen waren katastrophal. Ein Bericht des Lagerarztes vom 25. November 1944 dokumentierte 734 erkrankte Häftlinge: 125 litten an Darmerkrankungen, 139 an inneren Krankheiten. Bei 470 Häftlingen wurden offene Wunden festgestellt; 242 von ihnen waren so schwer erkrankt, dass sie nicht mehr arbeiten konnten.

Im Herbst 1944 wurden Häftlinge zwischen Husum und Neuengamme verlegt. Drei Transporte mit insgesamt 750 Personen gingen nach Neuengamme; im Gegenzug kamen 750 Häftlinge nach Husum. Die genaue zeitliche Abfolge und Zusammensetzung dieser Transporte muss anhand der Quellen überprüft werden. Erst hier wäre es möglich, dass Sebastiano Ziliotto nach Husum gekommen wäre. In Husum und Ladelund waren Italiener aus dem Transport vom 22. Oktober 1944 von Dachau nach Neuengamme. Fast alle 37 Verstorbenen oder erschossene Italiener in Husum bzw. Ladelund waren aus dem Transport vom 22.10.1944 von Dachau nach Neuengamme.

Am 16. Dezember 1944 ließ die SS das Außenlager Ladelund räumen. Die überlebenden Häftlinge wurden in das Stammlager Neuengamme zurückgebracht. Die meisten trafen dort am 21. Dezember ein. Am 29. Dezember 1944 waren die Lager aufgelöst.

Der Historiker Marc Buggeln weist in seiner Untersuchung Arbeit & Gewalt darauf hin, dass die Zahl der Todesopfer möglicherweise deutlich höher lag als die unmittelbar dokumentierten Todesfälle. Unter Einbeziehung der drei Selektionstransporte nach Neuengamme und Bergen-Belsen könnten es bis zu 1.000 Todesfälle gewesen sein (S. 251). Für Ladelund sind 291 verstorbene Häftlinge dokumentiert. Wie viele Italiener unter den Toten waren, muss noch geklärt werden.

Sebastiano Cappello

Sebastiano Cappello wurde am 9. Mai 1922 in Sortino in der Provinz Syrakus auf Sizilien als zweiter Sohn von Ernesto Cappello und Sofia Gianninoto geboren. Anfang der 1930er-Jahre zog die Familie nach Catania. Ende Dezember 1939 lebte sie in Mailand. Ab dem 10. Oktober 1940 wohnte Sebastiano in der Via Ausonio 20 nahe der Porta Magenta. Cappello arbeitete als Zimmermann und war nach Aussage seines Vaters Freiwilliger bei der italienischen Marine (Regia Marina). Am 1. August 1944 wurde er in Mailand verhaftet. Als Grund ist politische Verfolgung überliefert. Die näheren Umstände seiner Festnahme sind bislang ungeklärt. Möglicherweise stand sie im Zusammenhang mit einer Verweigerung des Militärdienstes für die faschistische Italienische Sozialrepublik (RSI) unter deutscher Besatzung. Er gehörte nicht zu den Verschleppten vom Monte Grappa.

Nach seiner Verhaftung wurde Cappello zunächst im Mailänder Gefängnis San Vittore festgehalten und anschließend in das Durchgangslager Bozen gebracht. Am 5. Oktober 1944 deportierten ihn die deutschen Besatzer in das Konzentrationslager Dachau, wo er am 9. Oktober eintraf. Am 22. Oktober 1944 wurde er in das Konzentrationslager Neuengamme überstellt.

Auch sein weiteres Schicksal und sein Todesdatum sind unbekannt. Eine Häftlingsliste vom 16. Januar 1945 belegt, dass er zu diesem Zeitpunkt im Außenlager Meppen-Versen registriert war. 

Ob er dort starb oder nach der Räumung des Außenlagers am 25. März 1945 in Richtung Bremen und möglicherweise zurück nach Neuengamme gebracht wurde, lässt sich bislang nicht abschließend feststellen.

Seit 2021 erinnert in Mailand ein Stolperstein vor Cappellos letzter Wohnung in der Via Ausonio 20 an ihn. Am Gebäude befindet sich außerdem eine Gedenktafel. Beide erinnern an einen jungen Mann, dessen Leben durch politische Verfolgung, Deportation und Zwangsarbeit zerstört wurde.

Das Außenlager Meppen-Versen

Die Häftlinge des Außenlagers Meppen-Versen mussten unter anderem am sogenannten Friesenwall arbeiten, einem deutschen Verteidigungssystem entlang der Nordseeküste. Im Raum Meppen gehörten dazu Verteidigungsstellungen und Panzergräben, die einen Vormarsch der alliierten Streitkräfte aufhalten sollten.

Das Außenlager bestand vom 16. November 1944 bis zum 25. März 1945. Die Häftlinge waren in einem ehemaligen Kriegsgefangenenlager untergebracht. Die Arbeit, die mangelhafte Versorgung und die Haftbedingungen forderten zahlreiche Opfer.

Am 25. März 1945 ließ die SS das Lager räumen. Die noch marschfähigen Häftlinge wurden zu Fuß in Richtung Bremen getrieben, während kranke Gefangene mit der Bahn dorthin gebracht wurden. Mindestens 50 Häftlinge starben während des Marsches.

Für Sebastiano Cappello bleibt offen, ob er die Räumung des Lagers überlebte und wohin er anschließend gebracht wurde. Die erhaltene Häftlingsliste belegt seinen Aufenthalt in Meppen-Versen im Januar 1945, liefert aber keinen abschließenden Nachweis über seinen Tod.

Schreiben Sie einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.