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Holger Artus

Zwangsarbeiterlager in der Poolstraße 21/22 in der Neustadt

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Heute habe ich eine kleine Nachbarschafts-Information in der Poolstraße verteilt. Hauptabsicht ist der Versuch, aus der Nachbarschaft eine Patenschaft für einen Stolperstein für Felice Galliano zu erreichen.

Ob das klappt, da bin ich nach der Verteilung skeptisch, aber aus verschiedenen Verteilungen weiß ich, dass die Menschen die Informationen freundlich aufnehmen – auch wenn es nicht in der ersten Runde für einen Stolperstein klappen sollte.

Ursprünglich wollte ich nur einen Webtext über Felice Galliano auf imiinhamburg.com schreiben, der im KZ-Außenlager in der Porta Westfalica ums Leben gekommenen war. Mein Blick bei der Recherche war auf ihn gerichtet. Je mehr ich mir jedoch die einzelnen Dokumente ansah und nach ihrem Inhalt fragte, fand ich gleich mehrere Geschichten.

Bisher war nicht bekannt, dass in der Poolstraße 21/22 auch italienische Militärinternierte leben mussten. Die IMI aus dem Lager kann ich fast allen zu Unternehmenn zuordnen. Beim Lager selber war bisher die Auffassung, dass es sich um ein Zwangsarbeitslager für den Schiffsausrüter Carl Petersen handelten. Aber der Namen „Petersen Lager“ bezog sich auf den Betreiber der Gaststätte in der Poolstraße 21/22. Die meisten Menschen mussten für das „Gemeinschaftswerk Versorgungsring Hamburg“ arbeiten. Zu letzterem habe ich noch ein Projekt im Blick, ohne daran konzeptionell bisher gearbeitet gearbeitet zu haben. Da ich mich bei der Recherche in die Zwangsarbeit bei den Sichel-Werken in Hannover eingelesen hatte, war mein Interesse zusätzlich geweckt. Hier wurde 2019 auf Initiativen des Betriebsrat der Henkel-Werke in Hannover ein Gedenkort geschaffen. Da ich bisher an dieser Haltung in Hamburg bei den von mir angesprochenen Betriebsräten gescheitert war, ist das eine interessante Erfahrung. Da ich aktuell dazu ein Projekt plane, war die Entscheidung gefallen, eine Nachbarschaft zu schreiben und zu verteilen.

Von Oktober 1942 bis Mai 1945 lebten insgesamt 230 NS-Zwangsarbeiter im Erdgeschoss der Poolstraße 21/22. Die Menschen wurden gezwungen, ihre Heimat zu verlassen und mussten bei uns arbeiten. Sie kamen vor allem aus den von Deutschland 1940 überfallen und besetzten Ländern Frankreich, den Niederlanden und Belgien.

Die Zwangsarbeiter waren in der NS-Zeit im Viertel auf dem Weg zur oder von der Arbeit für die gesamte Nachbarschaft ab 1943 täglich sichtbar. Sie lebten in den Lagern wie in der Poolstraße 20/21, in der Schule Bäckerbreitergang 72, in der Neustädter Straße 31/32, am Großneumarkt 50/51, den Kohlhöfen 32. Es war das offensichtlichste NS-Verbrechen. 

Die Gaststätte Carl Petersen in der Poolstraße 21/22

Seit 1936 befand sich im Erdgeschoss der Poolstraße 20/21 die Gaststätte von Carl Petersen. Aus ihnen wurden in Hamburg während des 2. Weltkrieges häufiger Zwangsarbeitslager.

Ab Februar 1943 kamen in größerem Umfang die ersten Niederländer, ab Sommer 1943 viele französische Zwangsarbeiter in die Poolstraße 21/22. In der Regel lebten sie fast alle vorher in anderen Lagern. So kam eine Gruppe aus Hannover, wo sie in einem Brotwaren-Betrieb oder den Sichel-Werken arbeiten mussten. Dies war eine chemische Fabrik, die sich primär auf die Herstellung von pflanzlichen Klebstoffen, Bindemitteln und Leimen spezialisiert hatte. Vereinzelt kamen sie direkt aus ihren Heimatorten. Einzelne kamen auch aus dem Zwangsarbeitslager in der Schule Poolstraße/Bäckerbreitergang 72, im Hinterhof der Poolstraße 18 und der heutigen Tempel-Ruine. Ab Dezember 1944 kamen insgesamt noch 24 italienische Militärinternierte in die Poolstraße 21/22. Norditalien wurde Ende 1943 von Deutschland besetzt.

Wer waren die italienischen Militärinternierten?

Es waren ehemalige italienische Soldaten, die nach dem 8. September 1943 von der Wehrmacht gefangen genommen wurden. Italien, der einstige Verbündete Deutschlands, hatte einen Waffenstillstand mit den Alliierten geschlossen und Hitler später den Krieg erklärt. Die italienischen Soldaten wurden vor die Alternative gestellt, weiter für Deutschland zu kämpfen oder Zwangsarbeiter zu werden. Rund 660.000 sagten “Nein”. Sie wollten nicht mehr an der Seite der Wehrmacht kämpfen. Da Hitler sie nicht als Kriegsgefangene behandeln wollte, wurden sie zu „Militärinternierten“ erklärt. Internationale Konventionen zur Behandlung von kriegsgefangenen Soldaten sollten so nicht gelten. Sie wurden zu Zwangsarbeitern.

Für wen mussten die Menschen arbeiten?

Sie mussten für verschiedene Unternehmen arbeiten. Die meisten waren beim „Gemeinschaftswerk Versorgungsring Hamburg“, als Schlachter oder Bäcker. Die italienischen Militärinternierten arbeiteten im Kohlehandel, so für Wilhelm Fromann der Poolstraße 1 oder bei Wilhelm Luchesi im Bäckerbreitergang 50, aber auch für den „Versorgungsring“.

Die Niederländer u.a. bei den deutschen Pentosin-Werken in der Großen Brunnenstraße oder Franzosen in der Allgemeine Telefon-Fabrik in der Fuhlentwiete.

Was war das „Gemeinschaftswerk Versorgungsring Hamburg“? 

Heute prägen Edeka, Lidl, REWE und Aldi den deutschen Lebensmitteleinzelhandel. Mit Beginn des 20. Jahrhundert entstand die Konsumgenossenschaft „Produktion“, ein Konsum-, Spar- und Bauverein der Arbeiterbewegung. Deren Mitgliederzahlen und die Anzahl der Verkaufsstellen wuchsen damals rasant. 1930 gab es in Hamburg 253 „Kolonialwarenläden“ (heute Lebensmittelgeschäfte), 92 Brotläden, 118 Fleischläden und weitere Spezialläden. Die Konsumgenossenschaft „Produktion“‘ baute eigene Produktionsbetriebe für Fleisch- und Fischwaren, verfügte über Bäckereibetriebe, Molkereien, Marzipan- fabriken, Kaffeeröstereien u.a.m. Mit dem Machtantritt der Nazi wurde das Genossenschaftswesen beendet und ins „Gemeinschaftwerk“ umbenannt. Der „Versorgungsring“ waren im Prinzip die alten Verkaufsstellen. 

Felice Galliano kam im KZ ums Leben

Unter den Zwangsarbeitern in der Poolstraße 21/22 lebte Felice Galliano. Er wurde am 26. September 1908 in Buia in der italienischen Provinz Udine geboren. Er war mit Marie Doubry verheiratet. Von Januar bis Mai 1942 war er als Zivilarbeiter in der Bäckerei Josef Diermeier in Regensburg beschäftigt. 1942 war er in Hannover und musste in den Schichel-Werken arbeiten. Im September 1943 kam er nach Hamburg.

Ende Oktober 1944 wurde er verhaftet, kam ins KZ Neuengamme und wurde in eines der Außenlager von Neuengamme, an der Porta Westfalica, transportiert. Hier waren insgesamt drei KZ-Außenlager. Ihr Hauptzweck war die Unterbringung von Häftlingen, die für die geplante Rüstungsproduktion eingesetzt wurden. Dazu sollten Produktionsstätten in einem vorhandenen Sandsteinstollensystem eingerichtet werden. Insgesamt waren etwa 3.000 Männer und Frauen in den KZ-Außenlagern in der Porta Westfalica inhaftiert.

Felice Galliano musste im Außenlager Lerbeck arbeiten. Das Gelände des damaligen Betonwerks Weber wurde für die Einrichtung eines Frontreparaturwerks für BMW-Flugzeugmotoren beschlagnahmt. Felice erlebte die Befreiung Deutschlands am 8. Mai 1945 nicht mehr. Er starb am 31. Dezember 1944 im KZ-Außenlager Lerbeck/Neesen.

Ein Anliegen 

In Hamburg liegen über 7.000 Stolpersteine, die an die vielen NS-Opfer aus unserer Stadt erinnern. Sie sind Teil unserer Erinnerungskultur. Die Steine sind ein sichtbares wie eher stilles Zeichen, die Menschen (und das Geschehen) nicht zu vergessen. Wenn es für Sie als Nachbarschaft eine Frage sein sollte, ob sie sich an einer Patenschaft für einen Stolperstein für Felice Galliano beteiligen wollten, so möchte ich Sie auf die Web-Seite der Hamburger Stolpersteine (www.stolpersteine-Hamburg.de) verweisen. Hier kann man sich unter der Navigation „Paten/Patin“ informieren. Eine solche Patenschaft kostet pro Stein einmalig 120 €.

Vor der Poolstraße 20 liegen heute zwei Stolpersteine. Einer von ihnen erinnert an Sophie Zippor Grevesmühls, der andere an Edmund Paul Ringerts. Sophie Grevesmühlen wurde am 15. Juli 1942 über die Schule Schanzenstraße nach Theresienstadt (Terezin) deportiert und wurde am 21. September 1942 im Vernichtungslager Treblinka ermordet. Edmund Ringerts wurde 1938 und 1940 wegen seiner Homosexualität verurteilt und wurde nach Verbüßung der Gefängniszeit 1941 ins KZ Neuengamme überstellt, wo er am 23. August 1942 ums Leben kam.

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