Da es sehr wenig zu Sebastiano Ziliotto aus Crespano del Grappa im KZ Neuengamme zu erzählen gab, habe ich seinen Weg ins KZ Bozen und das KZ Neuengamme beschrieben. Aufgeschrieben habe ich dabei von allen 44 Verschleppten im September 1944 deren Weg in die Außenlager. Nur vier von 44 überlebten.
Vom 20. bis 28. September 1944 exekutierten Einheiten der deutschen Wehrmacht, der SS, der Sicherheitspolizei und verbündete italienische Faschisten unter dem Codenamen „Operation Piave“ eine der brutalsten Durchkämmungsaktionen im besetzten Norditalien. Das II. Bataillon des SS-Polizeiregiment „Bozen“ gehörte zu den zentralen Akteuren der NS-Verbrechen am Monte Grappa. Das aus Südtiroler Rekruten und reichsdeutschen Offizieren bestehende II. Bataillon agierte gemeinsam mit Wehrmachtsteilen, anderen SS-Verbänden und italienischen Faschisten.
Ziel der Operation war die Zerschlagung der italienischen Widerstandsbewegung im strategisch wichtigen Massiv des Monte Grappa. Während rund 170 bis 264 Italiener direkt vor Ort auf bestialische Weise ermordet, gefoltert oder öffentlich erhängt wurden, blieb das Schicksal derer, die in die Konzentrationslager verschleppt wurden, im deutschsprachigen Raum jahrzehntelang ein blinder Fleck unserer Erinnerungskultur.
Der lange Weg in den Tod: Die Deportationen nach Dachau
Nachdem der militärische Widerstand der schlecht bewaffneten Partisanen schnell zusammengebrochen war, folgte die systematische Razzia in den umliegenden Dörfern wie Crespano und Borso del Grappa. Über 40 Angehörige und Dorfbewohner wurden gefangen genommen und wurden in das Polizei- und Durchgangslager Bozen (offiziell auch Pol.-Durchgangslager Bozenoder Campo di Concentramento di Bolzanogenannt) verschleppt. Quelle: Der Alltag der Wächter, Edition Raetia, Bozen 2024

Es wurde von der SS betrieben, unterstand dem Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD in Verona. Es wurde im Juli 1944 im Bozner Stadtteil Gries eingerichtet und auch als Durchgangslager. Der Hauptzweck bestand darin, hier die Menschen aus den besetzten Gebieten in Mittel- und Norditalien zu sammeln, Politische Gefangene (wie die Partisanen vom Monte Grappa) wurden von hier aus meist in die KZs Dachau, Buchenwald, Ravensbrück oder Neuengamme deportiert, während jüdische Häftlinge überwiegend nach Auschwitz, Flossenbürg und Mauthausen verschleppt wurden.
Während der rund zehn Monate seines Bestehens durchliefen ungefähr 11.000 Menschen das KZ Bozen. Die größte Gruppe bildeten politische Häftlinge und Widerstandskämpfer, gefolgt von jüdischen Opfern, Sinti und Roma. Nahezu 3.500 Häftlinge wurden von Bozen aus in die Konzentrationslager des Deutschen Reiches abtransportiert. Etwa 2.050 dieser verschleppten Menschen kehrten nach dem Krieg nicht mehr zurück.
Die Verschleppten vom Monte Grappa
Anfang Oktober 1944 wurden sie am 9. Oktober 1944 in das Konzentrationslager Dachau verschleppt. Die Nationalsozialisten nutzten die Deportierten als Manövriermasse für die deutsche Kriegswirtschaft und verteilten sie rasch in ein weit verzweigtes Netz von mörderischen Außenlagern:
- Überlingen am See (Dachau-Außenlager): Hier mussten die Häftlinge unter katastrophalen Bedingungen im Stollenbau Zwangsarbeit leisten. Junge Männer wie Andrea Andolfatto, Eugenio Andreatta oder Leonildo Bolzan starben hier im Winter und Frühjahr 1945 an Entkräftung und Misshandlung.
- Mühldorf (Dachau-Außenlager): In den dortigen Rüstungswerken starben unter anderem Giovanni und Walter Bortolazzo sowie Gaetano Perotto.
- Leonberg (Natzweiler-Außenlager):Zu den dorthin überstellten Opfern gehörten Giuseppe Bolzan und Marcello Brion, die beide im Frühjahr 1945 ihr Leben verloren.
- Bad Gandersheim (Buchenwald-Außenlager): Hierhin wurden unter anderem Agostino Moro und Almo Manione deportiert, wo sie im April 1945 kurz vor Kriegsende starben.
- Neuengamme: Auch im Norden Deutschlands starben Opfer des Grappa-Massakers, wie der aus Crespano del Grappa stammende Sebastiano Ziliotto.
Die wenigsten der im September 1944 verschleppten Bewohner des Monte Grappa überlebten die Torturen der Lager. Selbst diejenigen, die das Glück hatten, die Befreiung im April 1945 formal zu erleben, waren oft so schwer gezeichnet, dass sie kurz darauf starben. Renato Biasion verstarb am 25. April 1945 im befreiten Saulgau; Giuseppe Spezzamonte erlag am 20. Juni 1945 im Militärlazarett Dachau einer schweren Tuberkulose.
Sebastiano Ziliotto, eines der vielen italienischen NS-Opfer im KZ Neuengamme starb im Frühjahr 1945. Auch seine Name wurd durch die Recherche und Erinnerung an Justus Friedrichs zum Thema. Bisher stand sein Name nicht einmal im Totenbuch der Gedenkstätte des KZ Neuengamme, da es hier keine Sterbeurkunde gab.
Hier ist eine Aufstellung von 44 namentlich bekannten Personen, die nach der Razzia am Monte Grappa („Operation Piave“) im September 1944 gefangengenommen, über das Durchgangslager Bozen zu erst ins KZ Dachau deportiert wurden.NachnameVornameGeburtstagKZ (Letzter Aufenthalt / Außenlager)Todestag / StatusAndolfattoAndrea08.11.1925Überlingen am See (Dachau-Außenlager)† 27.02.1945 (oder 11.03.1945)
AndolfattoGirolamo06.08.1924Überlingen am See (Dachau-Außenlager)† 11.04.1945 (oder 28.03.1945)AndolfattoGiuseppe20.07.1924Überlingen am See (Dachau-Außenlager)† zwischen 14.01. und 22.01.1945AndolfattoLuigi20.01.1923Mühldorf (Dachau-Außenlager)† zwischen 01.02. und 09.02.1945AndreattaEugenio23.06.1923Überlingen am See (Dachau-Außenlager)† 11.04.1945BassoLorenzo30.11.1922Überlingen am See (Dachau-Außenlager)Überlebte(befreit)
BastianonLeo25.09.1922Bad Gandersheim (Buchenwald-Außenlager)Überlebte(befreit am 10.04.1945)BiasionAntonio02.10.1922Überlingen am See (Dachau-Außenlager)† zwischen 23.01. und 26.02.1945BiasionLeone03.11.1922Saulgau (Dachau-Außenlager)Überlebte(befreit)BiasionRenato07.04.1918Saulgau (Dachau-Außenlager)Befreit, † 25.04.1945 (nach Befreiung)BastianonLeo25.09.1922Bad Gandersheim (Buchenwald-Außenlager)Überlebte(befreit)BolzanGiuseppe27.02.1923Leonberg (Natzweiler-Außenlager)† Februar 1945 (oder 01.02. / 03.02.1945)BolzanLeonildo05.07.1923Überlingen am See (Dachau-Außenlager)† zwischen 03.03. und 14.03.1945BontorinSebastiano1921Überlingen am See (Dachau-Außenlager)† Februar 1945 (oder 19.01. / 17.02. / 18.02.1945)
BortolazzoGiovanni21.12.1924Mühldorf (Dachau-Außenlager)† 13.03.1945 (oder 22.03.1945)BortolazzoWalter20.11.1921Mühldorf (Dachau-Außenlager)† 21.03.1945 (oder 29.03.1945)BrionMarcello11.06.1924Leonberg (Natzweiler-Außenlager)† 07.03.1945CarlessoFrancesco06.12.1918Dachau† 18.12.1944CelottoGiannino21.01.1925Leonberg (Natzweiler-Außenlager)† 23.04.1945 (in Dachau)CittonOrazio12.09.1921Überlingen am See (Dachau-Außenlager)† 08.01.1945 (oder 04.01. / 13.01.1945)CostacurtaMariano30.08.1920Dachau† 25.02.1945CunialGiovanni21.11.1925Leonberg (Natzweiler-Außenlager)† 20.04.1945 (oder Februar 1945)De GettoGiovanni13.07.1926Bad Gandersheim (Buchenwald-Außenlager)Überlebte(befreit am 10.04.1945)
Del o Dal BiancoEmilio15.02.1928Überlingen am See (Dachau-Außenlager)† 13.01.1945 (oder 17.02. / 26.02.1945)
GiacomelliMichele10.11.1920Leonberg (Natzweiler-Außenlager)† 25.02.1945GuadagninErmenegildo24.04.1925Leonberg (Natzweiler-Außenlager)† 19.02.1945 (oder 02.03.1945)
ManioneAlmo03.01.1924Bad Gandersheim (Buchenwald-Außenlager)† 04.04.1945MoroAgostino19.12.1925Bad Gandersheim (Buchenwald-Außenlager)† 04.04.1945MorosinPietro28.06.1926Dachau† 06.03.1945PerottoGaetano26.12.1923Mühldorf (Dachau-Außenlager)† 12.04.1945 (oder 28.04.1945)
RavagnoloMarcello Angelo17.03.1924Dachau† 10.03.1945RebellatoGiovanni26.01.1921Mühldorf (Dachau-Außenlager)† 06.03.1945 (oder 15.03.1945)
RossiRomeo26.05.1924Bad Gandersheim (Buchenwald-Außenlager)Status/Todesdatum in den Quellen nicht genauer vermerktSavioGiovanni15.03.1924Überlingen am See (Dachau-Außenlager)† 17.01.1945SavioJohann30.10.1923Eching (Dachau-Außenlager)Überlebte(befreit)
SerravalleLeonardo02.03.1924Mühldorf (Dachau-Außenlager)Überlebte(befreit)
SpezzamonteAngelo26.01.1920Mühldorf (Dachau-Außenlager)† 09.12.1944 (oder 20.12.1944)
SpezzamonteGiuseppe09.04.1925Mühldorf (Dachau-Außenlager)† 23.12.1944 (oder 22.01.1945)
SpezzamonteGiuseppe03.03.1920Mühldorf (Dachau-Außenlager)Befreit, † 20.06.1945 (nach Befreiung im Lazarett Dachau)
TessariTarcisio Angelo19.04.1928Dachau† 05.03.1945 (oder 24.02.1945)
ZaraAngelo29.07.1920Überlingen am See (Dachau-Außenlager)† 22.01.1945ZiliottoDomenico02.03.1918DachauBefreit, † 16.05.1945 (nach Befreiung)
ZiliottoEgidio03.03.1923Dachau† 06.06.1945 (nach Befreiung in Dachau)
ZiliottoSebastiano15.05.1924Neuengamme† 01.05.1945ZiliottoZeffirino01.07.1924Dachau† 12.03.1945
