Ansichten

Holger Artus

Kurt Goldschmidt im Alter von 103 Jahren gestorben

| 1 Kommentar

Am 28. Mai 2026 ist Kurt Goldschmidt in New York gestorben. Am 30. März 2026 hatte er seinen 103. Geburtstag gefeiert. Seit 1949 lebte er dort. Der 2. Mai 2026 wurde aus Anlass seines Geburtstags vom Westchester County Board of Legislators zum „Kurt Goldschmidt Day“ erklärt. Westchester County ist ein Bezirk des Bundesstaates New York und grenzt südlich an New York City.

Eine New Yorker Zeitung schrieb über den „witzigen Hundertjährigen, der die Herzen seiner Gemeinde erobert hatte, nachdem er seine Langlebigkeit seinem täglichen Martini zugeschrieben hatte“. Andere Zeitungen zitierten ihn mit den Worten, dass es keine große Rolle spiele, 103 Jahre alt geworden zu sein – solange es einen Martini gebe.

An seinem Geburtstag hatte ich mit ihm telefoniert. Er reklamierte scherzhaft, warum ich auf seinem Handy angerufen hätte und nicht über das Festnetz. Dort sei der Empfang besser. Nach dem „Tschüss, mien Jung“ sagte er noch, dass wir uns im Juni 2026 wieder in Hamburg sehen würden.

Seine Reise nach Hamburg Anfang Juni 2026 war bereits mit Terminen gefüllt. Unter anderem wollte er nach Heideruh in der Lüneburger Heide fahren, weil er dort nach seiner Befreiung aus Theresienstadt 1945 am Aufbau des Heimes mitgewirkt hatte. Außerdem standen eine Veranstaltung am Geschichtsort Stadthaus, ein Gespräch im FC St. Pauli Museum, ein Treffen mit dem Senat und weitere Termine auf seinem Programm. Ich freute mich auf das Wiedersehen. Zuletzt hatten wir uns 2024 in St. Pauli getroffen.

Kontakt zu ihm hatte ich erst seit 2019. Damals hatte ich auf dem Blog sternschanze1942.de einen Text über die Jüdische Werkschule in der Weidenallee 10 bc veröffentlicht. Täglich gehe ich an dem Gebäude vorbei; wenn ich aus meinem Arbeitszimmer schaue, sehe ich es. Es gab bereits Publikationen über die Ausbildungswerkstatt von Wilhelm Mosel, Peter Offenborn und anderen. Letzterer hatte umfassend recherchiert, war bis zur Gründung der Einrichtung 1934 in der Emilienstraße 61 zurückgegangen und hatte auch ihr Ende im März 1941 dargestellt.

Auf meinen Text hin meldete sich Kenneth Hale aus New York. Er schrieb, dass er dort 1938/39 den Beruf des Tischlers erlernt hatte. Bei der Suche nach weiteren ehemaligen Lehrlingen wurde mir der Name Kurt Goldschmidt genannt, und ich rief ihn an. Ohne große Umstände kamen wir ins Gespräch. Ich bemühte mich darum, dass seine Geschichte auch in Hamburger Medien erzählt wurde. Berichte erschienen unter anderem in der MOPO, den Eimsbütteler Nachrichten und in der ZEIT Hamburg. Über die Lehrlinge der Werkschule forsche und schreibe ich bis heute.

Fünf Jahre später, 2024, trafen wir uns zum ersten Mal persönlich in Hamburg. Im FC St. Pauli Museum nahm er an einem Gespräch teil. Anschließend gingen wir zur nahegelegenen Imbissbude „Kleine Pause“ an der Wohlwillstraße/Ecke Otzenstraße. Ein Thema war ein Video, das ich zu seinem Geburtstag erstellt hatte. Es hatte ihm gefallen. Darin stellte ich Stationen seines Lebens in Hamburg von seiner Geburt bis zur Auswanderung in die USA vor. Dabei hatte ich eine besondere Form gewählt: Ich sprach mit Menschen, die 2024 an den Orten seines früheren Lebens wohnten oder arbeiteten.

Kurt Goldschmidt wurde am 30. März 1923 geboren. Er lebte mit seinen Eltern und seiner Schwester in der Talstraße 21. Vor dem Haus traf ich mich mit Gunhild Ohl vom St. Pauli Archiv. 1929 zog die Familie in die Hochallee 30/31. Der heutige Bewohner übermittelte Kurt Geburtstagsgrüße und berichtete über die Wohnung heute.

Die Goldschmidts zogen 1933 in die Marienthaler Straße 57. Der Boykott deutscher Kundinnen und Kunden gegen ihre Wäscherei hatte erhebliche wirtschaftliche Folgen. Vor dem Haus traf ich mich mit Hildegard Thevs, einer Freundin von Kurt. Sie sprach darüber, was sie heute im Stadtteil für den gesellschaftlichen Zusammenhalt tut und wie sie sich gegen rechte Tendenzen engagiert.

1939 begann Kurt eine Schlosserlehre an der Jüdischen Werkschule, zunächst in der Weidenallee 10 bc, später für einige Monate am Standort Beim Schlump 32. Dort klingelte ich bei Nachbarn und gewann eine Bewohnerin für einen Geburtstagsgruß.

Ursprünglich sollte er am 8. November 1941 von Hamburg nach Minskdeportiert werden. Seine Mutter konnte dies jedoch verhindern. Sein Vater war mit einer Nichtjüdin verheiratet. Beide konnten die Sammelstelle im Logenhaus an der Moorweide 36 wieder verlassen und nach Hause zurückkehren.

Freizeitaktivitäten für die jüdische Gemeinschaft waren damals nur noch in den eigenen Einrichtungen möglich. So spielte Kurt Tischtennis in der Turnhalle der Israelitischen Töchterschule. Die Leiterin der heutigen Gedenkstätte, Anna von Villiez, übermittelte ihm Glückwünsche und berichtete vor dem Eingang der ehemaligen Turnhalle, wie sich beide kennengelernt hatten.

Nach den Bombardierungen Hamburgs im Juli 1943 blieb Kurt in der Stadt, seine Mutter und Schwester flohen ins Land. Er zog in ein zur Hälfte ausgebranntes Haus in der Wohlersallee. Für das Video sprachen ich mit den heutigen Bewohnerinnen und Bewohner der Wohnung im dritten Stock, zeigten ihm die Räume und gratulierten ihm zum Geburtstag.

Seine Deportation erfolgte am 30. Januar 1945 nach Theresienstadt. Die Sammelstelle befand sich in der von der jüdischen Gemeinde geraubten Talmud-Tora-Schule. Über Berlin und Dresden wurde er zusammen mit etwa 80 weiteren Menschen nach Theresienstadt deportiert. Nach der Befreiung im Mai 1945 kehrte er nach Hamburg zurück. Hier beteiligte er sich am Aufbau eines antifaschistischen Hamburgs und engagierte sich in der VVN. Für das Video besuchte ich deren Räume in St. Pauli. Bei einem Rundgang durch die Räumlichkeiten übermittelten die dort Aktiven ihre Grüße an Kurt. Zu seinen Aktivitäten gehörte auch der Wiederaufbau von Heideruh. Ich fuhr dorthin, und die heutige Leiterin sprach über die Geschichte und die gegenwärtige Bedeutung des Hauses.

1949 wanderte Kurt Goldschmidt mit seiner Frau nach New York aus.Trotzdem besuchte er immer wieder seine Heimatstadt. Er verstand sich sein Leben lang als Hamburger.

Ein Kommentar

Schreiben Sie einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.