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Holger Artus

Nachbarschaftliche Begegnungen, keine großen Reden

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Ein besonderes Erlebnis des Besuchs der Familie Oettinger aus Israel und den USA eine Woche in Hamburg sollten die nachbarschaftlichen Begegnungen an den Orten sein, an denen ihre Familien vor der Flucht vor dem NS-Terror in Hamburg lebten oder arbeiteten. Es waren sehr berührende Treffen in der Andreasstraße, der Hochallee, dem Harald-Stender-Platz und der Budapester Straße. Nie hätte ich mit dieser Herzlichkeit gerechnet.

Anlass des Besuchs war die Verlegung der Stolpersteine vor dem Gymnasium Johanneum (einer war für Fritz Oettinger). Micha Cohn ergriff auf der Gedenkveranstaltung zur Übergabe der Stolpersteine vor der Schule das Wort.

Mein Anliegen war es, mit Besuchen an den ehemaligen Wohn- und Lebensorten persönliche Beziehungen und heutige Haltungen zu vermitteln. Die Kontakte ergaben sich alle zufällig. Jede Wohnung, in der sie zu Gast waren, vermittelte m.E. einen Eindruck vom heutigen Leben: wie Menschen wohnen, wie sie sich ihre Umgebung gestalten und was ihnen wichtig ist. Gerade diese persönlichen Eindrücke sind es, die bleiben und später in den Erzählungen über den Besuch in Hamburg weitergetragen werden. Da es die Wohnungen und Häuser ihrer Angehörigen war, sollte es auch eine „gefühlte“ Erinnerung sein.

Sicherlich sind die Haltungen der Menschen, mit denen wir zufällig in Kontakt kamen, nicht repräsentativ für die „Denke unserer Gesellschaft“. Aber gerade als Zufall sind sie ein alltäglicher Ausdruck eines verantwortungsbewussten Gefühls, die NS-Opfer und die furchtbaren Verbrechen der Nationalsozialisten nicht zu vergessen. Ich kannte diese Menschen vorher nicht – nur in einem Fall war ein Kontakt bereits spontan entstanden.

In der Andreasstraße 27 wurden die Gäste von Mieterinnen herzlich begrüßt. Es kam zu einem Rundgang durch die Wohnungen und zu sehr, sehr netten Gesprächen. Hans, Annemarie und Martin Oettinger lebten hier bis 1934. Martin überlebte, und seine Kinder aus den USA waren erstmals in dem Haus ihres Vaters. Die Kontaktdaten wurden ausgetauscht, und ich habe gehört, dass der Kontakt bereits funktioniert.

In der Hochallee 11 kam es ebenfalls zu einer sehr freundlichen Begrüßung. Der Rundgang durch die Villa der Familie Mainz, die dort bis 1938 lebte, war beeindruckend. Der historische Zustand war in vielen Bereichen des Hauses wiederhergestellt worden. Die heutigen Eigentümer zeigten den Besuchern die verschiedenen Räume und begegneten ihnen mit sehr herzlichen Worten. Anita Oettinger, geborene Mainz, war hier aufgewachsen. Vor ihrer Flucht im Jahr 1934 lebten Hans, Anita und Martin Oettinger hier für einige Wochen. Am 5. Juli 2026 wird am Gebäude eine Erinnerungstafel angebracht.

In der Budapester Straße 38 wurden die Gäste durch die Räume der ehemaligen Praxis von Dr. Moritz Oettinger geführt. In den verschiedenen Räumen der heutigen Tagesklinik des UKE kam es immer wieder zu Gesprächen und Austausch. Auch wenn die Räume heute modern gestaltet sind, hatte ich das Gefühl, das wir durch die frühere Praxis von Dr. Oettinger gehen. Den gesamten Abend verbrachten die Oettinger anschließend bei weiteren Mietern im Haus. Die Söhne von Annemarie Oettinger waren zum ersten Mal in dem Wohnhaus ihrer Mutter, Onkels (Heinz), Großvaters (Moritz) und Großmutter (Anne). Es waren sehr herzliche Gespräche und ein liebevoller Austausch. Für mich war dies der Höhepunkt des Besuchs.

Die Begrüßung im Jobcenter St. Pauli in der Simon-von-Utrecht-Straße 4 durch einen Mitarbeiter vermittelte sofort ein Gefühl des herzlichen Willkommens. Der Rundgang durch die Räume gab einen starken Eindruck von der Geschichte des Hauses, in dem Dr. Annemarie Oettinger als angehende Ärztin bis 1935, aber auch Dr. Moritz Oettinger zeitweilig wirkte. Die Gespräche auf dem Flur des ehemaligen Israelitischen Krankenhauses vermittelten den Eindruck eines kollegialen Austausches – nichts Formelles, einfach menschlich und sehr nett.

Ein kurzes, sehr freundliches Gespräch ergab sich spontan mit einer Nachbarin aus der Schlankreye 21, das ich noch einmal aufgreifen werde. Anne Oettinger, die Mutter von Annemarie, lebte hier von 1935 bis 1938, bevor sie ihren beiden Kindern nach Palästina folgte. Die Nachbarin erkundigte sich bei den Oettingers nach ihrer Großmutter.

Da ich mit Fußball eigentlich wenig zu tun habe und keine Ahnung von den Beziehungen des FC St. Pauli zu Hapoel Tel Aviv hatte, lag mein Blick zunächst darauf, dass Dr. Moritz Oettinger. Er war seit 1927 Vereinsarzt des Sportvereins. Die Familie blickte von ihrer Wohnung in der Budapester Straße 38 auf die große Turnhalle des Vereins (gibt es nicht mehr).

Doch die Gäste aus Tel Aviv waren Fans von Hapoel Tel Aviv. Die Begegnung im FC St.Pauli Museum am Harald-Stender-Platz und die Gespräche waren für sie ein besonderes Erlebnis, denn Sport kann bekanntlich Menschen verbinden. Es waren viele Kleinigkeiten, die ich wahrgenimmen hatte, dass es hier um mehr für sie ging. Ich hoffe, dass der Besuch beim FC St. Pauli für sie ein emotionaler Moment auf den Spuren ihrer Mutter in Hamburg war und bleibt.

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