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Holger Artus

Betr: Andreasstraße 27 – Hans, Anita und Martin Oettinger

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Aus aktuellem Anlass habe ich in der Andreasstraße 27 eine Nachbarschafts-Info zu Anita, Hans und Martin Oettinger verteilt. Hans Oettinger kam im KZ Bergen-Belsen 1945 ums Leben. Anita und Martin erlebte im April 1945 ihre Befreiung. Die Absicht war, mit den Bewohner:innen in Kontakt zu kommen, die Familie hier ihre erste gemeinsame Wohnung hatte. Die Angehörigen sind demnächst in Hamburg zu Besuch und die Nachbarn sollten in Szene gesetzt werden, wer da dann vor dem Haus steht. Die sehr herzlichen Reaktionen und Telefonate haben mich sehr überrascht. Wir werden nicht nur davor stehen. 

In der Andreasstraße 27 wohnten Anita, Hans und Martin Oettinger von 1928 bis 1934. Danach flohen sie nach Amsterdam in die Niederlande. Hans Oettinger kam im KZ Bergen-Belsen ums Leben. Anita und ihr Sohn, Martin, wurden am 23. April 1945 befreit.

Anita Mainz wurde am 1. April 1908, Hans Oettinger am 2. Oktober 1900 in Hamburg geboren. Das Paar heiratete am 12. Oktober 1928. Am 15. Oktober 1929 kam ihr Sohn Martin zur Welt und wurde damit ebenfalls Bewohner der Andreasstraße 27. Die Familie wohnte im ersten Stock.

Quelle: Staatsarchiv Hamburg, 351.11_49199

Die Oettingers betrieben ein Unternehmen für Rohtabak aus der Türkei, das der Vater von Hans im 19. Jahrhundert gegründet hatte. Der Firmensitz befand sich in der Speicherstadt am Kehrwieder 6, heute ein Standort von STAGE Entertainment. Das Unternehmen wurde von der Weltwirtschaftskrise ab 1929 schwer getroffen, weshalb Hans Oettinger 1930 ein Nachfolgeunternehmen gründete. Am 13. Juni 1934 wurde es an die „N.V. Orientaalsche Tabakshandel“ in Amsterdam verkauft; zugleich entstand in Hamburg eine Niederlassung. Der Standort am Kehrwieder 6 wurde in den Speicher am St. Annenufer verlegt, wo das Unternehmen über zwei Stockwerke verteilt weitergeführt wurde. Die „N.V. Orientaalsche Tabakshandel“ war von seinem Bruder Friedrich („Fritz“) Oettinger in Amsterdam gegründet worden. Der Tabak wurde vor allem aus der Türkei importiert und in skandinavische sowie baltische Staaten exportiert.  Fritz war bereits im Juli 1933 in die Niederlande geflohen, nachdem er im April 1933 als Staatsanwalt in Hamburg entlassen worden war, weil er Jude war.

1934 zogen Anita, Hans und Martin Oettinger zur Vorbereitung ihrer Ausreise aus Deutschland kurzfristig von der Andreasstraße 27 in die Hochstraße 11, wo die Familie (Mainz) von Anita wohnte. Von dort emigrierten sie im September 1934 nach Amsterdam. Hans stieg in die von seinem Bruder Fritz gegründete „N.V. Orientaalsche Tabakshandel“ ein. 

Nach dem Überfall auf die Niederlande durch die deutsche Wehrmacht im Mai 1940 verschlechterte sich ihre Situation dramatisch. Zunächst folgten Ausgrenzung, Berufsverbote, Registrierung und die schrittweise Trennung vom übrigen gesellschaftlichen Leben. Martin Oettinger war gerade 13 Jahre alt, als er 1941 die Schule verlassen musste, weil jüdische Kinder keine staatlichen Schulen mehr besuchen durften. Im November 1941 verloren sie – wie alle Juden in den Niederlanden – ihre deutsche Staatsbürgerschaft. Es folgten Massenverhaftungen, Zwangsarbeit, Enteignungen, die Einführung des gelben Sterns und schließlich ab 1942 die Deportationen über Sammel- und Durchgangslager wie Westerbork. Von den damals etwa 140.000 Jüdinnen und Juden in den Niederlanden wurden rund 107.000 deportiert; nur etwa 5.000 bis 5.200 überlebten.

Anita schrieb später über die Ereignisse ab August 1942: „Um der drohenden Festnahme und Deportation zu entgehen, verließen wir zu dritt am Abend des 9. August 1942 unsere Wohnung in Amsterdam, Schubertstraat 50. Wir besaßen den Schlüssel für die Wohnung unseres Gemüselieferanten in Amsterdam, verbrachten dort die Nacht zum 10. August und fuhren am Morgen des 10. August mit gefälschten Ausweisen weiter. Der Ausweis meines Ehemanns lautete auf den Namen Johannes Croon, mein Ausweis auf den Namen Magda van der Zouwe.“ Auch die Mutter von Hans, Cläre Oettinger, floh mit ihnen. Vom 10. August 1942 bis zum 23. April 1943 versteckten sie sich an verschiedenen Orten in den Niederlanden. 

Quelle: Staatsarchiv Hamburg, 351.11_49199

Ihre Unterkunft im „Hotel Rijnzicht“ in Heelsum wurde verraten und am 23. April 1943 verhaftet.  Am 1. Mai 1943 kamen sie in das Lager Westerbork bei Groningen. Am 1. Februar 1944 erfolgte der Transport in das KZ Bergen-Belsen. Dort starben Hans Oettinger am 17. November 1944 und seine Mutter Cläre am 13. März 1945.

Quelle: Staatsarchiv Hamburg, 351.11_49199

Für Anita und Martin Oettinger endete die Verfolgung nicht mit der Internierung im KZ Bergen-Belsen. Noch wenige Tage vor der Befreiung des Lagers wurden sie im April 1945 zusammen mit rund 2.000 jüdischen Männern, Frauen und Kindern in einen sogenannten „Verlorenen Transport“ gesetzt, der Richtung Theresienstadt fahren sollte. Die Fahrt dauerte zwölf Tage unter katastrophalen Bedingungen; Hunger, Typhus und Krankheit bestimmten das Geschehen. Martin Oettinger war zu diesem Zeitpunkt bereits schwer an Tuberkulose erkrankt. Erst am 23. April 1945 wurde der Zug nahe Tröbitz von der Roten Armee befreit, nachdem die SS und die Wehrmacht geflohen waren. Viele Menschen hatten die Fahrt nicht überlebt. In Tröbitz richteten sowjetische und jüdische Ärzte ein Notlazarett ein, doch auch dort starben in den folgenden Wochen noch Hunderte Menschen an den Folgen der Epidemie und der Haftbedingungen. Martin Oettinger wog gerade noch 20 KG.

Anita und Martin Oettinger kehrten nach ihrer Befreiung im Sommer 1945 zunächst nach Amsterdam zurück, bevor sie 1948 in die USA emigrierten.

Über Anita, Hans und Martin Oettinger gibt es eine umfängliche Erzählungen auf der Webseite der Hamburger Stolpersteine. Für Hans Oettinger liegt ein Stolperstein vor der Isestraße 113. Hier lebte er, bevor er heiratete und ihr Sohn zur Welt kam. Die Andressstraße 27 war ihre erste gemeinsame Wohnung. 

Meine Info hat nicht die Tiefe der Erzählung wie die auf der Webseite der Stolpersteine. Wie im Einstieg beschrieben, verfolgte ich einen gezielten Info-Zweck.

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