Auch wenn ich den 14. Mai 2026 als Feiertag nicht auf dem Zettel hatte, war ich gestern vor der Sentastraße 48 bei einem Gespräch über einen Stolperstein für Justus Friedrichs nicht alleine. In der Vorwoche hatte ich 200 Exemplare eines Flugblatts in die Briefkästen der Sentastraße verteilt und der Nachbarschaft das Angebot gemacht, am 14. Mai 2026 mit mir zu sprechen, falls es Bedenken geben sollte.

Nachbar:innen kamen dazu, und wir sprachen über den angedachten Stolperstein. Spannend fand ich die Erzählungen darüber, wie sie nach der Flugblattverteilung in ihren Häusern darüber gesprochen hatten. „Wir haben in unserer WhatsApp-Gruppe im Haus darüber gesprochen“, erzählte jemand.

Es ging um die ganz normalen Fragen: Wie wäre es uns wohl ergangen, wenn wir damals gelebt hätten? Hätten wir uns gewehrt? Wie erging es den Menschen, die Ziel der Hetze waren, und hätten wir ihnen zur Seite gestanden?
Ich sagte zu, mich um einen Kontakt zur Eigentümerin zu bemühen. Außerdem berichtete ich, dass es bereits Zusagen für den Stolperstein für Justus Friedrichs gebe und dass der Stein kommen wird. Auch erzählte ich, dass wir uns mit demokratischen Parteien in Bassano del Grappa ausgetauscht hätten und ich davon ausgehe, dass Vertreter:innen von ihnen zur Verlegung kommen würden.
Bedenken:
Bedenken gab es nicht direkt in unserer Debatte, sondern eher im Vorfeld unter den Nachbar:innen: ob der Soldat Friedrichs möglicherweise an Kriegsverbrechen beteiligt gewesen sei? Ich sprach über sein Alter und darüber, dass er 1943 zur Wehrmacht eingezogen wurde. Zu welchen Truppenteilen er gehörte und wo er seitens der Wehrmacht in Italien stationiert war, wisse ich allerdings nicht. Er sei aber – wie andere deutsche Soldaten in Italien – desertiert. Das Besondere war in meinen Augen, dass er sein Gewehr umgedreht und aktiv gegen den Faschismus gekämpft hatte. Für seine „Fahnenflucht“ wurde er zum Tode verurteilt und erschossen, wie Tausende andere Deserteure aus der deutschen Wehrmacht.
Während der Diskussion schossen mir zwei Gedanken durch den Kopf, bei denen ich überlegte, ob und wie ich sie ansprechen sollte. Einige Tage zuvor hatte ich Berichte über die Massaker der Mussolini-Truppen rund um den Monte del Grappa an ihren eigenen Landsleuten gelesen. Sie waren drastisch beschrieben, und viele der Täter waren sehr jung. Warum sollte Friedrichs, wenn er an Kriegsverbrechen beteiligt gewesen wäre, die Seiten wechseln, um dann als Partisan erschossen zu werden? Dennoch sprach ich über eine seit Monaten laufende Anfrage an das Bundesarchiv, von der ich mir weitere Informationen erhoffe.
Der zweite Gedanke bezog sich auf die Frage nach einer möglichen Beteiligung an Kriegsverbrechen im Zusammenhang mit den italienischen Militärinternierten. Auch sie könnten zuvor an Kriegsverbrechen in Albanien, der Sowjetunion oder anderen Ländern beteiligt gewesen sein. Warum sollte man dennoch an sie erinnern? Muss man jeden einzelnen Fall klären – aber eben nicht pauschal über eine ganze Gruppe urteilen? Mein Hinweis, dass die italienischen Soldaten „Nein“ gesagt hätten und sich nur eine Minderheit nach dem 8. September 1943 der neuen faschistischen italienischen Armee angeschlossen und sich damit für die Verbrechen entschieden habe, griff in der Vergangenheit oft nicht. Bis zum Beweis des Gegenteils zählte für manche allein der Verdacht. In einer anderen Diskussion im vergangenen Jahr hatte ich einmal verärgert gesagt, dass die italienischen Partisan:innen dann wohl lieber gar nicht erst zum bewaffneten Kampf hätten greifen sollen – das wurde allerdings nicht verstanden.
Natürlich war ich dennoch überrascht, dass sich trotz meines Feiertagsfehlers („Himmelfahrt“ und „Brückentag“) Nachbar:innen einfanden und wir über den Stein und die Stolpersteine sprachen. Die Wohnungseigentümer habe ich bereits angeschrieben. Vielleicht gewinne ich sie auch für eine Patenschaft zum Stolperstein für Justus Friedrichs.
