Justus Friedrichs war Wehrmachts-Deserteur und wurde am 23. September 1944 wegen „Fahnenflucht“ am Monte del Grappa – in der Nähe von Padua/Italien – erschossen. Heute habe ich 200 Exemplare in der Barmbeker Sentastraße, zwischen Osterbekstraße und Brucknerstraße, in die dortigen Briefkästen gesteckt.
Justus Friedrichs wohnte mit seinen Eltern, Esther und Wilhelm Friedrichs, sowie seinem Bruder, Rudolf, einst in der Sentastraße 48, Hamburg-Barmbek, im Parterre. Die Familie wohnte dort seit 1937, vorher war die Sentastraße 40 ihr zu Hause. Sein Vater arbeitete bei der Hochbahn.

Um was geht es?
Justus Friedrichs wurde am 21. März 1923 in Hamburg geboren und wurde vermutlich zwischen März und April 1942 in die deutsche Wehrmacht einberufen. Irgendwann im Laufe des Jahres 1943 wurde er nach Italien versetzt. Über 200.000 deutsche Soldaten verloren in der Auseinandersetzung mit den Alliierten Truppen das Leben, mehr als 100.000 wurden verletzt. Eine genaue Anzahl ist mir nicht bekannt, aber Tausende der deutschen Soldaten desertierten und ergaben sich den Alliierten. Eine Studie aus der Region um Südtirol besagt, dass zwischen ein bis zwei Prozent der Soldaten der deutschen Wehrmacht desertiert sind. Justus Friedrichs war einen von ihnen. Allerdings schloss er sich den italienischen Partisanen, der Resistenza, an. Diese hatte sich im September 1943 in Rom gegründet.
Zwischen Sommer 1943 und Kriegsende 1945 starben schätzungsweise 70.000 Italienerinnen und Italiener infolge der deutschen Besatzung. Diese Todesopfer waren das Resultat von Verfolgung, Deportation und dem Kampf gegen die Partisanen. Diese Zahl entspricht etwa einem Drittel der Kriegsverluste Italiens nach dem Zusammenbruch des Faschismus. Über 10.000 Zivilisten, darunter Frauen, Kinder und ältere Menschen, wurden durch deutsche Soldaten getötet, häufig im Rahmen der Partisanenbekämpfung. Dazu gehörte im September 1944 die Offensive der deutschen Wehrmacht am Gebirge „Monte del Grappa“ (in der Nähe von Padua), um die dortige Resistenza zu zerschlagen.
Was wurde aus Justus Friedrichs?
Er wurde von der deutschen Wehrmacht zusammen mit anderen Partisanen gefangen genommen und zum Tode verurteilt. Am 23. September 1944 wurde er am Monte del Grappa erschossen.

Während einer “Durchkämmungsaktion” unter dem Kommando des SS-Obersturmführers Herbert Andorfer wurden hunderte Menschen getötet und hunderte deportiert, hunderte Häuser in den Dörfern am Monte Grappa wurden in Brand gesetzt. Ein besonders brutales Verbrechen wurde von der Wehrmacht im Ort Bassano del Grappa am 26. September 1944 verübt. Unter dem falschen Versprechen, wer von den geflohenen und versteckten Partisanen sich freiwillig stelle, werde verschont, melden sich 31 junge Männer. Sie wurden gefoltert und anschließend an den Alleebäumen der Stadt erhängt. Die Ermordeten blieben – mit umgehängten Schildern als „Banditen“ gekennzeichnet – zur Abschreckung zwanzig Stunden an den Bäumen hängen. Heute erinnern u.a. an den jeweiligen Orten in der Stadt Gedenkschilder an sie.
Was bedeutete es, in der NS-Zeit zu desertieren und gegen die NS-Diktatur zu kämpfen?
In der NS-Zeit gab es sogenannte Schnellgerichte, die die Deserteure verurteilten. Vielen von ihnen wurden auch erschossen. Justus Friedrichs war einer von ihnen. Er hatte mehr gemacht: er desertierte und setzte sich aktiv für die Befreiung von Faschismus und Krieg ein, in dem er sich der italienischen Resistenza anschloss. Zu Recht wird heute an den Mut und Bereitschaft z.B. von General Stauffenberg und eine Mitstreiter erinnert, der das fehlgeschlagene Attentat auf Adolf Hitler plante. Berlins Bürgermeister, Kai Wegner (CDU) sagte über ihn, dass der Mut „unseren tiefen Respekt und höchste Anerkennung“ verdiene. Er sei für immer ein Vorbild, der gezeigt hätte, dass es in der Zeit der NS-Diktatur ein aufrechtes Deutschland gab. Der Einsatz der Widerständler zeigte, wie wertvoll Freiheit und Demokratie sein und das diese verteidigt werden muss, so Wegner.
Was will ich von Ihnen?
Der Name Justus Friedrichs ist über eine Anfrage eines italienischen Journalisten bekannt geworden. In deutschen Internetforen zur deutschen Wehrmacht ist er seit längerem namentlich aufgeführt. Es gibt aber sehr wenig Unterlagen. Der Journalist hatte im Zuge der Recherche seine Sterbeurkunde gefunden. Warum sie ausgestellt oder angefordert wurde, ist mir nicht bekannt.
Meine Vorstellung wäre es, dass für Justus Friedrichs ein Stolperstein in der Sentastraße verlegt werden sollte.

Er gehört zu den NS-Opfern der Hitler-Diktatur. Er war m.E. ein mutiger Mensch. So ein Stein kostet 120 €. Sofern Sie sich mit dem Thema befassen wollen, verweise ich Sie auf die Webseite der “Hamburger Stolpersteine” unter https://www.stolpersteine-hamburg.de. Hier gibt es in der rechten Navigation den Punkt “Pate/Patin werden.” Von den Steinen ging es über 7.000 in Hamburg, die an die Opfer des NS-Systems erinnern. Es gibt für mich viele Gründe, warum das Erinnern nötig ist. Das hat nichts mit Schuld zu tun (wie sollte das funktionieren?) oder mit Negieren, was alles in unserem Land nach 1945 geschaffen wurde. Am Dammtor- Bahnhof gibt es z.B. ein Mahnmal, das an die deutsche Deserteure im 2. Weltkrieg erinnert.

Wir können gerne darüber reden!
Ich bin mir sicher, dass wenn es ein anderes Opfer in ihrer Straße geben würde, der wegen seiner Identität, seiner Meinung oder geschlechtlichen Orientierung im NS-System ermordet wurde, es leichter wäre, dieser Menschen zu erinnern als für einen Menschen, der „Fahnenflucht“ begangen hat. Justus Friedrichs wollte nicht mehr an Hitlers Krieg teilnehmen, es war nicht sein „Vaterland“. Unser Grundgesetz von 1949 hat aus der Geschichte der Todesurteile gegen Soldaten gezogen: in Artikel 4 ist geregelt, dass jeder das Recht hat, den Militärdienst zu verweigern. Ich finde eine sehr wertvolle Vorsicht.
Ich stehe am Donnerstag, den 14. Mai 2026 ab 17 Uhr vor der Sentastraße 48 und wir können gerne ins Gespräch kommen. Wenn Sie Zweifel haben, will ich gerne meine Überlegungen vermitteln.
