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Holger Artus

Das KZ-Außenlager von Neuengamme in Sasel

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Fast jede Woche gehe ich am Plattenhaus Poppenbüttel vorbei, wenn ich meine Mutter besuche. Das Thema der NS-Zeit spielt bei unseren Gesprächen immer wieder eine Rolle. Sie selber hatte das Plattenhaus am Kritenbarg 8 in Hamburg-Poppenbüttel in der Vor-Corona-Zeit besucht, ich noch nicht. 

1944/1945 wurden hier in der unmittelbaren Nähe der S-Bahnstation Poppenbüttel eine Siedlung von Behelfsheimen gebaut. Es wurden Unterkünfte für die deutschen Familie gebaut, die in Folge des Krieges durch die alliierten Bombenangriffe keine Wohnung mehr hatten. Die Fertigteile kamen aus dem Klinkerwert des KZ Neuengamme. Die heutige Gedenkstätte ist das einzige noch vorhandene Zeugnis aus den Anfängen des Plattenbaus und wurde deshalb 1998 unter Denkmalschutz gestellt. Am Eingang des Gebäudes informiert eine Tafel über das „Warum“.

Zur Montage der Plattenhäuser wurden auch jüdische Frauen aus dem KZ-Außenlager in Sasel eingesetzt. Es sollen auch italienische Militärinternierte dafür genutzt worden sein. Das Gelände des Frauenlagers befand sich am Feldblumenweg zwischen den Straßen Saseler Mühlenweg und Hohensasel. Ein Gedenkstein und eine Erinnerungstafel erinnert dort heute an den ehemaligen KZ-Standort. Wie bereits beim KZ Außenlager am Falkenbergsweg waren es Schülerinnen und Schülern, die es zum Thema machten. Im Juni 1982 wurde auf Initiative der Klasse 10c des Gymnasiums Oberalster ein Gedenkstein aufgestellt. Die Klasse hatte die Geschichte des Lager 1981/1982 erforscht und eine Broschüre darüber veröffentlicht sowie die Gestaltung des Gedenksteins entworfen.

Das Außenlager war im September 1944 eingerichtet worden, vorher soll hier ein Kriegsgefangenenlager gewesen sein. 500 der jüdischen Frauen kamen aus dem Lagerhaus G am Dessauer Ufer. Hier waren ab Mitte Juli 1944 bzw. im August insgesamt 1.500 Jüdinnen aus der Tscheslowakei, Ungarn und Polen von Auschwitz nach Hamburg zur Zwangsarbeit im Rahmen des „Geilenberg-Programms“ nach Hamburg 1944 verlagert worden. Im September 1944 wurden die jüdischen KZ-Insassen aus dem Lagerhaus G auf drei KZ Außenlager verteilt, in Fischbek, in Sasel und Eidelstedt. Ab dem 15. September 1944 waren 2.000 männliche KZ-Insassen aus dem KZ Neuengamme ins Lagerhaus G kaserniert worden.

Die jüdischen Frauen im KZ-Außenlager Sasel waren polnische Bürgerinnen. Ihr Leidensweg vollzog sich über das Ghetto in Lodz und dessen Auflösung im August 1944. Die sowjetischen Truppen waren kaum 150 km von Lódz entfernt. 60.000 Menschen aus dem Ghetto wurden nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Im KZ Auschwitz wurden die arbeitsfähigen Frauen zur Zwangsarbeit nach Hamburg geschickt.

Durch Zeitzeugen und Berichte ist belegt, dass im Laufe der Zeit weibliche Häftlinge im KZ-Außenlager Sasel misshandelt wurden, darunter Jüdinnen, Sinti und Roma. National waren dort Polinnen, Russinnen, Jugoslawinnen, Französinnen, Niederländerinnen und deutsche Frauen inhaftiert. Maria Pantel schrieb, das sie „ohne Unterbrechung 12 Stunden arbeiten (mussten) und durften während dieser Zeit nicht unsere Notdurft verrichten… Als wir in das Lager eingeliefert wurden, sind wir geimpft worden, damit wir keine Menstruation bekommen. Von diesen Impfungen sind viele Frauen erkrankt. Mit 39 Grad Fieber musste jede noch Frauen arbeiten.“ Hanka Aiger erinnerte sich, dass „inwendig SS-Wachfrauen wachten, sie begleiteten uns zur Arbeit.“ Sonia Schimscho erinnerte sich, dass „das Lager mit Stracheldraht umgeben und von der SS bewacht“ wurde. Ein Teil der polnischen Frauen „arbeitete auf Baustelle, der andere Teil hat Steine zum Bauen“ produziert. Genia Szabas erinnerte sich, dass Sasel ein Dorf neben Poppenbüttel sei. „Anfangs gingen wir dorthin zu Fuß zur Arbeit. Später ging der größte Teil (fast alle) zur Arbeit nach Hamburg. Nur ein Kleine Gruppe hat in Poppenbüttel weitergearbeitet.“ Hanka Aiger erinnerte sich, dass sie in der Hamburger Wollkämmerei arbeiten musste. Sala Kleinplatz erzählte, dass sie für Ways & Freitag sowie Kowahl & Bruns eingesetzt wurden.

Das Bauunternehmen Kowohl & Bruns war 1939 von Emil Bruns zusammen mit dem Garten- und Landschaftsgestalter Wilhelm Kowahl gegründet worden. Im Zweiten Weltkrieg waren sie u.a.  mit der Tarnung von militärischen Flughäfen beschäftigt worden, aber darüber hinaus für die Organisation Todt mit dem Bau von Befestigungsanlagen beauftragt.

Im Jahr 1943 arbeiteten knapp zweitausend Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen in den besetzten Teilen Frankreichs und Polens sowie in Deutschland für Kowahl & Bruns. In Hamburg betrieb das Unternehmen auch vier Barakenlager, in denen 550 Zwangsarbeiter_innen untergebracht waren, die vor allem in anderen Betrieben eingesetzt wurden. Kowahl & Bruns setzte auch italienische Militärinternierte ab September 1943 ein. Im September 1944 informierte das Unternehmen, dass sie 198 IMI als Zwangsarbeiter beschäftigte, die auch im Rahmen des „Geilenberg-Programms“ zum Einsatz kamen. Aufgrund der Aussagen mehrerer Häftlinge wurde Emil Bruns am 28.8.1945 verhaftet, im April 1946 begann sein Prozess vor dem britischen Militärgericht im Curiohaus. Er war der wurde wegen Kriegsverbrechen zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. 

Nach Angaben im Netz sind 39 Opfer aus dem KZ Sasel bisher ermittelt worden. Zu ihnen gehören nach Erinnerungen von Sala Kleinplatz u.a. Regina Krell und Helena Dzymetkowska. 

Vermutlich wurde das Saseler Außenlager von der Waffen-SS am 7. April 1945 geräumt und die Frauen per Bahn in das KZ Bergen-Belsen deportiert. Zum Kriegsende wurde das Lager zerstört und zerbombt um zu versuchen, alle Hinweise auf die dortigen Insassen zu verschleiern. 

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