Nach der Verteilung einer Info in der Sentastraße über Justus Friedrichs und der Finanzierung der Patenschaft für einen Stolperstein ging es mir um die weitere Planung bis zur Verlegung. Darüber kam es zur Abstimmung mit den demokratischen Parteien in Bassano del Grappa.
Justus Friedrichs war ein deutsches NS-Opfer während der „Operation Piave“ Ende September 1944. Bis zu tausend Bewohner wurden damals von der Wehrmacht und SS am Monte Grappa ermordet, aber auch andere ausländische Mitstreiter der Partisanen. 44 Menschen aus den Gemeinden am Gebirgsmassiv wurden damals ins KZ verschleppt.
So berechtigt m.E. aus deutscher Perspektive die Erinnerung an Justus Friedrichs war und ist, so sollten auch die NS-Opfer am Monte Grappa nicht vergessen werden, auch um die Verhältnisse zu wahren. Vor allem mit dem Blick auf die damalige Täterschaft. Keiner der deutschen NS-Täter von Monte Grappa wurde jemals zur Rechenschaft gezogen und dafür verurteilt. Hier der Aufruftext:
Im Ergebnis wurden vier Aktivitäten in Hamburg geplant, an dem jeweils Vertreter:innen aus Bessano del Grappa in Hamburg teilnehmen sollen. Der Auftakt war eine Kundgebung am Deserteurs-Denkmal am Jahrestag seiner Ermordung am 23. September (1944) 2026. Dazu wurde eine Einladung geschrieben, Unterstützer:innen geworben, auf der Webseite imiinhamburg.com gestellt und auf Social Media beworben. Hier der Aufruftext:
An 23. September 1944 wurde der Hamburger Justus Friedrichs am Monte Grappa in Norditalien wegen sogenannter „Fahnenflucht“ erschossen. 82 Jahre später wollen wir mit einer Kundgebung an ihn und seine Zivilcourage erinnern:
Mittwoch, 23. September 2026, 17 Uhr, Deserteurs-Mahnmal, Stephansplatz/Dammtor.
Im Rahmen der „Operation Piave“ der deutschen Wehrmacht und SS im September 1944 gegen die italienische Widerstandsbewegung am Monte Grappa wurde Justus Friedrichs gefangen genommen. Während dieser Militär-operation ermordeten deutsche Soldaten und Einheiten der mit ihnen verbündeten Armee Mussolinis rund 170 Italiener:innen auf bestialische Weise. Von Dorf zu Dorf wurden Menschen gefoltert und öffentlich gehängt. Ihre Häuser wurden niedergebrannt, und über 40 Angehörige verschleppte man in das KZ Dachau. Die meisten überlebten die Haft nicht. Einer der damals aus Crespano del Grappa Verschleppten, Sebastiano Ziliotto, wurde in das KZ Neuengamme deportiert. Auch er überlebte nicht.
Mit der Kundgebung wollen wir an Justus Friedrichs erinnern, zugleich aber auch an die italienischen Opfer der Massaker von Wehrmacht, SS und der Armee Mussolinis. Die Namen der NS-Opfer am Monte Grappa sind bekannt; in den Gemeinden wird bis heute an sie erinnert. In den Dörfern und Städten wurden Gedenksteine und Denkmäler für sie errichtet.
Der Name des Hamburgers Justus Friedrichs aus der Sentastraße 48 in Barmbek wird nach 82 Jahren erstmals öffentlich in Hamburg als Name eines NS-Opfers genannt. Auch seine Haltung rückt erst jetzt in den Blick: Er war Deserteur. Bis heute werden Deserteure im allgemeinen Sprachgebrauch nicht selten als „Verräter“ oder „Feiglinge“ diffamiert. Erst durch den jahrzehntelangen Einsatz betroffener Deserteure erkannte der Deutsche Bundestag 2002 und 2009 die Urteile der NS-Militärjustiz als das an, was sie tatsächlich waren: Akte des Terrors, die keinerlei rechtsstaatlichen Prinzipien folgten.
Ein wesentlicher Beweggrund für die sogenannte Fahnenflucht war häufig die Erkenntnis vom verbrecherischen Charakter des Krieges. Während Einheiten der Wehrmacht und SS – auch in Italien – systematisch Massaker an der Zivilbevölkerung verübten, entschieden sich Deserteure, diesem System die Gefolgschaft zu verweigern.
Auch wenn dies heute kaum noch im öffentlichen Bewusstsein ist: Hamburg war ein bedeutender Standort der NS-Militärjustiz mit mindestens 13 aktiven Kriegsgerichten. Die mehr als 220 namentlich bekannten Opfer der NS-Militärjustiz in Hamburg mahnen uns, die Mechanismen der „geistigen Mobilmachung“ und der brutalen Verfolgung von Menschen zu verstehen, die sich dem Krieg verweigerten.
Die Erinnerung an Deserteuren fördert ein verantwortungsvolles Geschichtsverständnis. Sie hinterfragt den Gehorsam gegenüber Unrechtsbefehlen und würdigt den Mut Einzelner, Befehle zu verweigern, die sie mit ihrem Gewissen nicht vereinbaren konnten. Seit 1949 schützt Artikel 4 des Grundgesetzes das Recht, nicht zur Waffe greifen zu müssen. Das Deserteurs-Mahnmal am Dammtor ist deshalb nicht nur ein Ort des Gedenkens, sondern auch ein Lernort für Zivilcourage, Menschenwürde und Demokratie.
