Im Zusammenhang mit der Kundgebung am 8. September 2026 vor Kampnagel zur Erinnerung an die NS-Zwangsarbeiter bei damaligen Rüstungsbetrieb organisierten wir im Vorfeld einen Stadtteilrundgang. Dazu luden wir die Nachbarschaft um den jeweiligen Ort der Zwangsarbeit mit einer Info ein:
Die Häuser Jarrestraße 48–50 gehörten damals dem Hamburger Tief- und Wasserbauunternehmen Friedrich Heidtmann. Das Unternehmen existiert heute nicht mehr. Während der NS-Zeit setzte es Zwangsarbeiter ein, um seine Bauaufträge ausführen zu können. Diese Menschen waren aus ihrer Heimat verschleppt worden und mussten unter Zwang arbeiten.
Um die Dimension der NS-Zwangsarbeit in Hamburg deutlich zu machen: Zwischen 1939 und 1945 mussten schätzungsweise rund 500.000 Menschen in Hamburg Zwangsarbeit leisten.
NS-Zwangsarbeiter bei Friedrich Heidtmann, Jarrestraße 48/50
Das Bauunternehmen setzte insgesamt 35 Zwangsarbeiter damals ein. Sie kamen aus Italien, Belgien und Frankreich. 24 von ihnen waren italienische Militärinternierten.
Wer waren die italienischen Militärinternierten?
Dabei handelte es sich um italienische Soldaten, die nach dem Waffenstillstand Italiens mit den Alliierten am 8. September 1943 von der deutschen Wehrmacht gefangen genommen wurden. Rund 830.000 italienische Soldaten gerieten in deutsche Gefangenschaft. Wer sich weigerte, weiter an der Seite Deutschlands Krieg zu führen, wurde zur Zwangsarbeit verschleppt. Etwa 650.000 Soldaten sagten „Nein“.
In Hamburg wurden zwischen Oktober 1943 und Mai 1945 etwa 20.000 italienische Militärinternierte in mehr als 600 Betrieben eingesetzt. Hitler ließ sie bewusst als „Militärinternierte“ einstufen, um ihnen den Schutz zu verweigern, den Kriegsgefangene nach dem Völkerrecht genossen.
Wer waren die Zwangsarbeiter in der Jarrestraße 48–50?
Elf Zwangsabeiter lebten in der Jarrestraße 48/50. Die Namen fanden wir in einer Meldedatei vom Februar 1944. Sie kamen aus Belgien und Frankreich. Wo genau sie in den damaligen Häusern untergebracht waren, lässt sich heute nicht mehr feststellen. Beide Länder waren von der Wehrmacht besetzt worden. Das NS-Regime verpflichtete die Menschen von dort zur Zwangsarbeit.
Hunderte Zwangsarbeiter:innen gingen täglich durch die Jarrestraße
In der Jarrestraße befanden sich damals mehrere Betriebe und Lager, in denen Zwangsarbeiter:innen untergebracht wurden oder arbeiten mussten. Von ihren Unterkünften gingen sie täglich zu ihren Arbeitsplätzen und kehrten abends zurück. Die Nachbarschaft sahen sie jeden Tag. Die Zwangsarbeit gehörte damit sichtbar zum Alltag im Stadtteil.
In der Jarrestraße 52–58 befand sich im Hinterhaus die Wäscherei Wulff. Dort lebten und arbeiteten 30 Zwangsarbeiter:innen. In der Jarrestraße 66 war ein Standort der Stadtreinigung. Dort mussten zunächst französische Kriegsgefangene arbeiten; später wurden hier 18 italienische Militärinternierte eingesetzt. In der Jarrestraße 27 befand sich ein Zwangsarbeitslager von Heidenreich & Harbeck (U-Bahn Saarlandstraße). Dort lebten insgesamt 170 Menschen. Im Rüstungsbetrieb Kampnagel wurden mehr als 800 Menschen zur Zwangsarbeit eingesetzt. In der Jarrestraße 42–44 befand sich das Unter- nehmen Otto Schilling, das 76 IMI im Hafen beschäftigte.
Kundgebung am 8. September 2026 vor Kampnagel
Wir tragen als Nachgeborene keine Schuld an den NS-Verbrechen. Wir sind jedoch überzeugt, dass wir Verantwortung dafür tragen, die Erinnerung wachzuhalten. Das darf sich niemals wiederholen.
Am 8. September 2026 um 18 Uhr veranstalten wir am Eingang des Hertha-Feiner-Asmus-Stiegs in der Jarrestraße eine Kundgebung, um an die NS-Zwangsarbeiter:innen in der Jarrestadt zu erinnern.
Anlass ist der 8. September 1943. Der Waffenstillstand Italiens mit den Alliierten führte dazu, dass Hunderttausende italienische Soldaten von der deutschen Wehrmacht gefangen genommen und anschließend als Zwangsarbeiter vor allem nach Deutschland verschleppt wurden. Viele mussten auch in Hamburger Betrieben arbeiten – unter anderem bei Kampnagel, Heidtmann, Otto Schilling, Heidenreich & Harbeck oder Carl Spaeter (Lager Kaemmererufer).
