Im Zusammenhang mit der Kundgebung am 8. September 2026 vor Kampnagel zur Erinnerung an die NS-Zwangsarbeiter bei damaligen Rüstungsbetrieb organisierten wir im Vorfeld einen Stadtteilrundgang. Dazu luden wir die Nachbarschaft um den jeweiligen Ort der Zwangsarbeit mit einer Info ein:
Die Häuser Jarrestraße 40/42 gehörten bis 1938 dem Unternehmen Gebr. Mankewiecz & Co. 1939 übernahm das Hamburger Unternehmen Otto Schilling die beiden Immobilien. Es betrieb einen Metallgroßhandel sowie einen Zerlegebetrieb für Kabel in Steinwerder am Roßdamm 32. Heute stehen dort die Pfeiler der Köhlbrandbrücke.
Beteiligung von Otto Schilling am Raub jüdischen Eigentums Jarrestraße 40/42
Ab 1938 musste alle jüdischen Menschen ihre Immobilien bzw. Unternehmen verkaufen worden. Die Nazi sprachen von einer “Ariserung”. Die antisemitische Ideologie des NS-Regimes erklärte sie zu Menschen, die aus Deutschland verdrängt werden sollten. Dafür schuf der Staat eine Vielzahl von Gesetzen und Verordnungen. Der Bau der Häuser war über zwei Hypotheken in Höhe von jeweils 60.000 Reichsmark finanziert. Ein Darlehen wurde durch ein Familienmitglied der Mankewiecz übernommen. Otto Schilling erwarb die beiden Häuser 40/42 damals für insgesamt 60.000 Reichsmark (auf dem Grundstück Jarrestraße 38 befand sich kein Gebäude). Damit wurde eine Hypothek eines “Ariers” bezahlt. Die der Mankewiecz wurde der Familie über einen anderen Weg geraubt.
Die Eigentümerin der Jarrestraße 40/42 war Marie Louise Mankiewicz, sie war mit Ernst Spiegelberg, einem jüdischen Mitinhaber der Warburg-Bank, verheiratet. Der Familie konnte mit ihren Kindern Irene, Maja und Ivonne 1938 noch rechtzeitig vor der nationalsozialistischen Verfolgung fliehen. Um Deutschland zu verlassen, mussten die Steuern und Abgaben bezahlen, die so hoch waren, dass die Familien zum Zeitpunkt der Emigration nur ihren Haushalt mitnehmen konnten, aber keinen Pfennig an Vermögen. Es wurde alles alles über sogenannte “Sicherheitsanordnungen” gesperrt. Der Staat kassierte über die Abgaben das gesamte Vermögen. Den Erwerbern jüdischen Eigentums war das Prozedere bewusst, unter welchen Bedingungen sie diese Vermögenswerte kauften – und dass sie diese zu besonders günstigen Preisen erhielten.
Einsatz von Gefängnisinsassen aus Fuhlsbüttel
Otto Schilling war nicht nur Profiteur der Verfolgung und Enteignung jüdischer Menschen. Sein Betrieb war in die Gewinnung von Metallen für die deutsche Rüstungswirtschaft eingebunden. Auf dem Lagerplatz am Roßdamm 32 wurden alte Kabel sowie ausgemusterte Nachrichtengeräte der Marine zerlegt, um kriegswichtige Buntmetalle und andere Rohstoffe zurückzugewinnen. Für diese Arbeiten setzte das Unternehmen Gefängnisinsassen aus dem Strafgefängnis Fuhlsbüttel sowie Zwangsarbeiter aus Italien ein. Belegt ist, dass sich Otto Schilling im Februar 1943 an das Arbeitsamt wandte und die Zuweisung von drei Arbeitern mit Branchenkenntnissen verlangte. Sie sollten die eingesetzten Strafgefangenen anlernen und die anfallenden Altmetalle sortieren.
Italienische Militärinternierte bei Otto Schilling
Ab Oktober 1943 setzte Otto Schilling am Roßdamm 76 italienische Militär- internierte (IMI) ein. Dabei handelte es sich um italienische Soldaten, die nach dem Waffenstillstand Italiens mit den Alliierten vom 8. September 1943 von der deutschen Wehrmacht gefangen genommen worden waren. Rund 830.000 italienische Soldaten gerieten so in deutsche Gefangenschaft. Wer sich weigerte, weiter für Deutschland Krieg zu führen, wurde als Zwangsarbeiter verschleppt. Rund 650.000 Soldaten sagten „Nein“. In Hamburg wurden von Oktober 1943 bis Mai 1945 etwa 20.000 italienische Militärinternierte in mehr als 600 Betrieben eingesetzt. Hitler ließ sie bewusst als „Militärinternierte“ einstufen, um sie nicht nach den Bestimmungen des Völkerrechts über Kriegsgefangene behandeln zu müssen.
Olivio Capri im „Arbeitserziehungslager“
Einer dieser Männer, die für Otto Schillng arbeiten musste, war Olivio Capri. Er wurde am 29. August 1915 geboren und war Beamter. Am 7. November 1944 wurde er bei Otto Schilling „entlassen“. Er war denunziert worden und kam anschließend in das „Arbeitserziehungslager“ (AEL) Langer Morgen in Wilhelmsburg. In „seiner“ Ausländerkartei ist zu lesen, dass er am 7. November 1944 verhaftet wurde und am selben Tag ins Lager kam.
Die Gestapo inhaftierte im AEL ab April 1943 insgesamt rund 5.000 Menschen, denen “Verstöße” gegen Arbeitsvorschriften, Arbeitsverweigerung oder „renitentes Verhalten“ vorgeworfen wurden. Die Gefangenen mussten unter extremen und unmenschlichen Bedingungen Zwangsarbeit in Betrieben des Hamburger Hafens leisten. Die brutale Behandlung und der Terror im Lager sollten “abschreckend wirken” und andere Zwangsarbeiter einschüchtern. Das Lager unterstand der Gestapo-Leitstelle Hamburg. Es war zwar für kurze Haftzeiten vorgesehen, endete für Gefangene immer wieder auch tödlich. Olivio Capri gehörte zu den italienischen Militärinternierten, die im Arbeitserziehungslager ums Leben kamen. Er starb dort am 22. März 1945.
Tausend Zwangsarbeiter gingen in der NS-Zeit jeden Tag durch die Jarrestraße
Beim damaligen Rüstungsunternehmen Kampnagel in der Jarrestraße 10/32 mussten rund 800 NS-Zwangs- arbeiter:innen arbeiten, davon waren 130 IMI. In der Jarrestraße 48/50 war der Sitz vom Tiefbau-Unternehmen Friedrich Heidtmann. Es beschäftigte 24 IMI. In der Jarrestraße 52 war die Wäscherei Wulff. Ihre Produktion hätte nicht funktioniert, wenn das Unternehmen nicht rund 30 Zwangsarbeiterinnen ausgebeutet hätte. In der Jarrestraße 66 war ein Zwangsarbeitslager der Stadtreinigung für IMI, in der Jarrestraße 27 war ein Lager für insgesamt 170 Zwangsarbeiter aus Frankreich, den Niederlanden und Belgien von Heidenreich & Harbeck. Jeden Tag gingen hunderte von ihnen durch die Jarrestraße und alle in der Straße haben sie damals gesehen.
Am 8. September 2026, 18 Uhr, führen wir mit anderen zusammen eine Kundgebung durch, um an diese Menschen in ihrer Straße zu erinnern. Vielleicht sehen wir uns ja? Mehr zu den italienischen Militärinternierten und der Kundgebung am 8. September 2026 unter https://imiinhamburg.com
