Vor 40 Jahren, im August 1986, kaufte der Zeitschriften-Konzern Gruner+Jahr die Hamburger Morgenpost. Als Antwort darauf plante Axel Springer eine neue Tageszeitung. Gerd Schulte-Hillen, damals Vorstandsvorsitzender von Gruner+Jahr, sprach von einem „Patienten auf der Intensivstation“, den man gekauft habe, um ihn zu retten.

Später konnte ich diese damals durchaus zutreffende Beschreibung von ihm nicht mehr hören. Sie war für mich beliebig geworden. Die MOPO schrieb unter Gruner+Jahr in den 13 Jahren seit 1986 nie wirklich Gewinne. Der Konzern musste erhebliche finanzielle Mittel aufbringen. Für mich lag deshalb irgendwann der Eindruck nahe, dass Schulte-Hillen mit dem Bild vom „Patienten“ den Blick von der eigenen fehlerhaften Strategie ablenken wollte.
Der Verkauf 1986
Im Frühjahr 1986 zeichnete sich der Verkauf von Greif an G+J ab. Jeden Tag konnte ich in meiner Tätigkeit in der Buchhaltung der MOPO sehen, wie die Schulden bei der damaligen BfG anstiegen. Der Kreditrahmen war durch die Forderungen gedeckt, die bei zwei bis drei Millionen DM in der Woche lagen. Für meine damalige Vorstellung war eine Saldo von mehr als 20 Millionen DM gewaltig. Wir lästerten am Tisch darüber, wer Greif eigentlich auf den Leim gegangen war.
Noch größer wurden meine Augen am Tag der Übernahme. Das Konto, das bis dahin tief im Minus gewesen war, wurde von einem auf den anderen Tag ausgeglichen. Ich weiß noch, dass ich den Kontoauszug damals kopiert habe. Wo diese Kopie heute ist, weiß ich allerdings nicht mehr.
Die ersten Begegnungen mit Gruner+Jahr
Genau weiß ich den Tag im Juli 1986 nicht mehr. Aber noch bevor Gruner+Jahr die MOPO im September offiziell kaufte, hielt sich ein Herr Fröhlich, einer der Verantwortlichen des G+J-Rechnungswesens, in der Griegstraße auf. Er prüfte die Auflage der MOPO anhand der Rechnungen und der IVW-Meldungen. Ich erinnere mich noch daran, dass ich in den Raum ging und seine Anwesenheit begrüßte. Ich arbeitete damals noch nicht einmal ein Jahr bei der MOPO. Unser Leiter des Rechnungswesens, Adolf Dick, ein sehr netter und seriöser Chef, sagte zu uns, dass wir unseren Beitrag zur Veränderung leisten sollten. Es sei für uns eine Chance und zugleich ein Ende des völligen Chaos und Durcheinanders unter dem damaligen Eigentümer. Das war auch meine damalige Hoffnung.
An die erste Informationsveranstaltung in der Griegstraße zur Übernahme durch G+J erinnere ich mich. Dort trat die neue Führung unter Christian Nienhaus auf, den ich bis heute schätze. Er war damals gerade einmal 26 Jahre alt. Eduard Greif und Nienhaus standen an der Tür und begrüßten jeden, der hereinkam. Als ich auf die beiden zuging, sah ich, wie sie miteinander tuschelten. Ich wurde freundlich begrüßt. Greif sagte irgendetwas von „Gewerkschafter“.
Bis dahin hatte ich wenig mit Eduard Greif zu tun gehabt. Einmal hatte er mich allerdings in sein Verlegerbüro gerufen. Ich hatte mich gegenüber dem Betriebsrat dafür eingesetzt, endlich wieder eine Betriebsversammlung zur Lage der MOPO durchzuführen – seit zwei Jahren hatte es keine gegeben. Greif sagte mir, dass ich mit dieser Forderung dem Unternehmen schade. Ob ich mir denn vorstellen könne, wie ich damit den Betriebsrat in Schwierigkeiten bringe? In mir kochte es. Warum, dachte ich, geht der Betriebsrat zum Eigentümer? Warum muss ein Eigentümer darüber entscheiden, ob die Beschäftigten über die Lage ihres Unternehmens diskutieren dürfen? Für mich war damit eine Entscheidung gefallen: Die müssen verschwinden. Was dann tatsächlich noch im selben Jahr geschah. Im Dezember 2026 trat der Betriebsrat zurück, ich hatte die „Verschwörung“ eingefädelt.
Gewerkschaft und MOPO

Nach der Ankündigung, dass Gruner+Jahr die MOPO kaufen wollte, machte ich im Anschluss an eine Betriebsversammlung im Kreis der Gewerkschafter den Vorschlag, ein Flugblatt zu erstellen. An dem Treffen nahm ein eher gelangweilter Gewerkschaftssekretär, Rolf S., teil. Er meinte, wir sollten zunächst einmal abwarten.
Damals wusste ich noch nicht, dass der Landesbezirksvorstand Nordmark eine Erklärung zur Übernahme abgeben wollte. Schließlich waren sie der Auffassung, dass nur die Führung einer Gewerkschaft eine solche Erklärung in Form einer Presse-Erklärung abgeben könne. Damit war für mich ein zweiter historischer Konflikt entstanden – nach meinem Erlebnis mit Eduard Greifs Betriebsrat. Andere sollten nicht für uns festlegen, wie wir zur Zukunft der MOPO stehen. Wir wollten darüber diskutieren und uns eine eigene Meinung bilden.

Ich war über diese Arroganz der Gewerkschaftsfunktionäre sehr wütend. Und ich begann zaghaft, meine damaligen Kontakt zu einem großen Hamburger Printmedium zu erschließen, um etwas über die Lage der MOPO zum zu ermitteln. Warum sollten diese Nicht—Wisser im Gewerkschaftshaus der „Einschätzungs-Gral“ sein?
Die Hoffnung auf einen Neuanfang
In jeder Beziehung bedeutete der Kauf der MOPO durch Gruner+Jahr zunächst das Ende des Chaos und der Verantwortungslosigkeit unter Eduard Greif. Gerd Schulte-Hillen sprach vom „Patienten auf der Intensivstation“. Und tatsächlich wurde mit den Maßnahmen von Gruner+Jahr zunächst Ordnung in die Abläufe gebracht.
G+J hatte einen strategischen Plan. Die MOPO sollte zu einer nationalen Zeitung entwickelt werden. Sie sollte aus der „Schnuddel-Ecke“, aus dem Image der „Nuttenpost“ und aus der journalistisch teilweise furchtbaren Qualität herauskommen. Die Redaktion wurde massiv aufgestockt. Im Blatt sollten Geschichten erscheinen. Das Format wurde verändert. Es gab den erkennbaren Versuch, aus der MOPO etwas anderes zu machen.

Doch sehr schnell landete Gruner+Jahr mit der MOPO auf der Nase. Eine Sanierungsrunde folgte der nächsten – ohne nachhaltigen Erfolg. Die Probleme wurden immer wieder neu beschrieben, aber nicht gelöst. Hans Dichand wurde damals 10-prozentiger Gesellschafter der MOPO, eine strategische Allianz. Willibald Slavik auf Wien wurde Geschäftsführer, Christian Nienhaus kaufmännischer Leiter.
Spätestens mit dem Kauf der 50 Prozent-Anteil an der Kronen-Zeitung 1989 durch die WAZ Zeitungsgruppe (heute Funke Mediengruppe) waren G+J-Zeitungspläne am Ende (dann kam der Niedergang der DDR und man setzte bei G+J wieder auf Wachstum. Doch auch hier scheiterte der Verlag).
1999 wurde die MOPO schließlich an Frank Otto und Hans Barlach verkauft. Damit war das G+J-Desaster aus meiner Sicht beendet. Mit dem Verkauf bekam die Zeitung nach 13 Jahren wieder eine Zukunft.
Was von 40 Jahren übrig geblieben ist
Heute gibt es den Namen Hamburger Morgenpost noch. Aus der Tageszeitung ist eine Wochenzeitung geworden. Über eine nennenswerte Printauflage kann man kaum noch sprechen. Die virtuelle Reichweite ist dagegen groß und erreicht relevante Zielgruppen.
Das öffentliche Bild der Zeitung in Hamburg wird allerdings weiterhin stark mit der früheren Printausgabe verbunden. Damit hat es die MOPO journalistisch schwer, ihre heutige Bedeutung für Diskussion und Meinungsbildung in der Hamburger Gesellschaft sichtbar zu machen.
Gruner+Jahr als eigenständiger Verlag existiert heute nicht mehr. Viele seiner Titel wurden nach der Integration in RTL verkauft. Der STERN erlebt derzeit durch RTL erneut eine Restrukturierungswelle. Das Gebäude am Baumwall wurde verkauft.

Hinter Gruner+Jahr standen damals Bertelsmann und der Jahr-Verlag. Auch der Jahr-Verlag ist aus dem gemeinsamen Unternehmen ausgestiegen. RTL dagegen ist heute ein erfolgreicher Geschäftsbereich von Bertelsmann. Dort finden sich die noch verbliebenen Titel aus der alten G+J-Welt wieder.
Der damalige Verkäufer der MOPO, Eduard Greif aus der Schweiz, dürfte noch leben. Das Letzte, was ich über ihn las, war, dass der damals 90-Jährige 2025 keinen Zugriff mehr auf sein Bankkonto hatte. Die „Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) in Sissach BL“ hatte ihn verbeiständet; ein Beistand bezahlte für ihn die Rechnungen.
Zum Zeitpunkt des Verkaufs/Kaufs der MOPO 1986 war ich 30 Jahre und war vor allem über Moral und Haltung getrieben. Heute würde ich sagen, ok, da gab es einen Plan mit Blick auf die Stellung der Arbeitnehmer:innen in den Prozessen. Das Handwerk im Vorgehen war schon erkennnbar. Aber ansonsten war das alles doch sehr naiv und eher wenig entwickelt. Aber es war der Zeitpunkt, wo alles begann.

