Da es sich um eine Sprachheilschule innerhalb der Volksschule Schanzenstraße handelte, setzte ich mich erneut mit dieser damaligen Schulform, deren Schüler:innen und den Unterrichtenden auseinander.
Dabei stieß ich auf ein weiteres NSDAP-Mitglied an der Sprachheilschule, Hans Wandpap. Dessen Unterlassungen und Verdrehungen führten mich zu Namen von entlassenen Schülern aus der damaligen Sprachheilschule (Claus Borchardt) – und schließlich zu Fällen zwangssterilisierter Schüler (Bruno Hinck).

In seinen Lobpreisungen über Ärzte, mit denen die Sprachheilschule Schanzenstraße zusammenarbeitete, fand ich Personen, die die Zwangssterilisationen in Hamburg ab 1933/34 vorangetrieben hatten wie z. B. Dr. Kreyenberg (1933 NSDAP, 1934 Gaustellenleiter des Rassenpolitischen Amts der NSDAP und Beisitzer im Hamburger Erbgesundheitsgericht) oder den Zahnmediziner Prof. Dr. Fabian (er war ein „glühender Anhänger“ des NS-Regimes und bereits im Mai 1933 sowohl der NSDAP als auch der SS beigetreten).
Nazi-Lehrer konnten sich nach 1945 wieder als Schulleiter etablieren
Als ich zu den Lehrer:innen und Schulleitern an der Sprachheilschulen in der NS-Zeit und nach 1945 recherchierte, zeigte sich eine auffällige Häufung von NSDAP-Mitgliedern, die nach 1945 trotz ihrer NS-Täterschaft wieder in den Schuldienst zurückkehrten und sich erneut als Lehrer:innen oder Schulleiter etablieren konnten. Sie nutzten insbesondere die Strukturen der Sonderpädagogik, um ihre Rolle in der NS-Zeit zu verschleiern, und um ihre eigene Geschichte umzudeuten.
Die mangelnde Aufarbeitung der NS-Vergangenheit von Lehrer:innen, insbesondere in den Sprachheilschulen, führte dazu, dass die Hamburger Schulbehörde diese Personen später sogar für ihre vermeintlich guten Leistungen lobte. Schulverantwortliche unmittelbar nach 1945 wie Fritz Köhne aus der Oberschulbehörde in der der NS-Zeit und selbst NSDAP-Mitglied, fungierten dabei nicht selten als Türöffner für weitere Karrieren. Es bleibt empörend, dass in Hamburg bis heute eine Schule diesen Namen trägt – ein Zeugnis der unzureichenden Aufarbeitung von NS-Verbrechen nach 1945.
Erste Aufarbeitung der NS-Geschichte der Sprachheilschulen im Jahr 2000
Hendrick Hausschild setzte sich in der Juniausgabe 2000 der „Sprachheilarbeit“ der Deutschen Gesellschaft für Sprachpädagogik (dgs) differenziert und fundiert mit der Geschichte der Sprachheilschulen in der NS-Zeit in Hamburg auseinander.

Die dgs als Sammelbecken ehemaliger NS-Lehrer
Meine Recherchen deuten darauf hin, dass sich zahlreiche ehemalige NS-Akteure und Stichwortgeber aus dem Gesundheitswesen und Sprachpädagogik nach 1945 in der dgs neu organisierten. Der Verband bot ihnen eine Plattform zur Selbstentlastung und zum Aufbau neuer Netzwerke. Sie waren unter anderem an der Redaktion der Zeitschrift „Sprachheilarbeit“ beteiligt. Bis heute werden Texte dieser ehemaligen NS-Akteure teilweise als seriöse Quellen herangezogen – ein Umstand, den Hausschild bereits kritisch hinterfragt hatte.
Der „Raubkauf“ der Israelitischen Töchterschule – lange kein Thema
In den 1990er Jahren wurden die Verzerrungen und Auslassungen von Hans Wandpap teilweise in der “Spracharbeit” relativiert, insbesondere im Hinblick auf seine Darstellung in „40 Jahre Sprachheilschulen in Hamburg“ (1962) zum Raubkauf der Israelitischen Töchterschule 1942 in der Karolinenstraße 35. Erst 1985 veröffentlichte Dr. Ursula Randt mit ihrem Buch zur Geschichte dieser Schule eine umfassende Darstellung, die auch die jüdischen Opfer einbezog.

Dass eine solche Aufarbeitung erst 40 Jahre nach Ende der NS-Diktatur erfolgte – und dann durch eine ehemalige Lehrerin der Sprachheilschule –, verdeutlicht den Einfluss ehemaliger NSDAP-Mitglieder und ihre Verschleierungsstrategien innerhalb der Sonderpädagogik, die durch Dr. Randt durchbrochen wurden.
„80 Jahre Sprachheilschulen“ (1992) – ein Beispiel für fortdauernde Verklärung
In der Publikation „80 Jahre Sprachheilwesen in Hamburg“ (1992), herausgegeben von Herbert Diekmann, wurde zwar (unter anderem von Rainer Bangen) eine Aufarbeitung der NS-Vergangenheit angemahnt, zugleich jedoch wurden NS-belastete Akteure wie der Schulleiter der Sprachheilschule Adlerstraße, Manig, völlig unkritisch dargestellt. Der hatte die Sprachheilschule in ihrer “Selektionsform” für “Schädigung des Erbguts“ hervorgehoben.

Auch zur Sprachheilschule Schanzenstraße äußerte sich Bangen ohne ausreichende Quellenbasis und bezeichnete sie als anerkannte Einrichtung selbst in der NS-Zeit. Zugleich wurde die Zusammenarbeit mit dem Gesundheitswesen positiv hervorgehoben – also mit jenen Ärzten, die Schüler:innen misshandelten, die aktiv an Zwangssterilisationen beteiligt waren, und indem sie Behinderungen als „Erbgutschädigung“ darstellten, die man “ausmerzen” muss.
Aufarbeitung der Rolle Adolf Lambecks
Iris Groschek befasste sich in ihrer Dissertation über gehörlose Schüler:innen in Hamburg (2008, „Unterwegs in eine Welt des Verstehens“) auch mit der NS-Vergangenheit des Schulleiters Adolf Lambeck und legte sie offen.

Ebenso hat Hans-Peter de Lorent in seiner umfangreichen Arbeit „Täterprofile“ (Bände 1–3) von 2016 die Rolle Lambecks detailliert untersucht. Die Sonderschulen standen jedoch weniger im Fokus seiner Forschung.

Wie geht das Thema weiter?
Meine Recherche zu den Sprachheilschulen schließe ich in den nächsten Tagen ab, da ich noch weitere Namen von NS-Opfern aus der Sprachschule gefunden habe. Im Zusammenhang mit der Erinnerung an das jüdische Opfer aus der Deportation über die Schule Schanzenstraße, Claus Borchardt, sind mehrere Veröffentlichungen angedacht.
Zu den zwangssterilisierten Schülern aus der Sprachheilschule Schanzenstraße habe ich mir eine Zielgruppe und Erzählung überlegt. Das kläre ich noch weiter ab. Ich will versuchen, die Geschichte der Sprachheilschulen in Hamburg neu zu ordnen, speziell die der Schule Schanzenstraße. Auch hier habe ich Zielgruppen überlegt und prüfe, ob es zu Folgewirkungen führen kann. Die dgs habe ich angeschrieben, wie sie es mit ihrer eigenen NS-Aufarbeitung nach 1945 halten.
