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Holger Artus

Deportation von Sinti und Roma aus der Hamburger Hochstraße 28 am 11. März 1943 ins KZ Auschwitz

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Am 11. März 1943 wurden 357 Menschen aus Hamburg in das KZ Auschwitz deportiert. Unter ihnen befand sich auch die Familie von Frieda K. und Franz M.* aus der Hamburger Hochstraße 28. Sie und ihre drei Kinder Heinrich (geb. 1940), Käthe (1941) und Irmgard (1942) wurden an diesem Tag verschleppt. Die Familie gehörte zur Minderheit der Roma.

Nach der rassistischen Ideologie der Nationalsozialisten galten sie – wie jüdische Menschen – als angebliche Gefahr für das „deutsche Blut“. Sie sollten in den Osten deportiert und dort vernichtet werden.

Bereits am 20. Mai 1940 waren rund  1.000  Sinti und Roma aus Hamburg bzw. Norddeutschland in das damals polnische Bełżec verschleppt worden (42 davon kamen aus Neumünster). Am 11. März 1943 und am 18. April 1944 folgten zwei weitere Deportationen von Hamburg nach Auschwitz. Zwischen diesen drei Deportationen (1940, 1943 und 1944) wurden mehr als 100 weitere Sinti und Roma aus Hamburg in verschiedene Konzentrationslager verschleppt, vor allem nach Ravensbrück und Auschwitz.

Wer waren Frieda K., Franz M. und ihre Kinder?

Frieda K. wurde am 9. Februar 1923 in Hademarschen bei Rendsburg geboren. Ihre Eltern waren María und Johannes. Diese waren bereits gemeinsam mit fünf ihrer Kinder am 16. Mai 1940 von Neumünster nach Hamburg gebracht und am 20. Mai 1940 nach Bełżec deportiert worden. Frieda befand sich zu diesem Zeitpunkt im Krankenhaus in Neumünster, wo ihr Sohn Heinrich geboren wurde. Sie selbst, ihr Mann Franz M. und ihr Sohn wurden daher zunächst nicht deportiert.

Seit 1941 oder 1942 wohnte die Familie – Frieda, Franz, Heinrich und Irmgard – in der Hamburger Hochstraße 28. Am 3. Juni 1942 kam hier ihre Tochter Käthe zur Welt. Die Hochstraße hatte bis 1938 einen Altonaer und einen Hamburger Teil. Frieda lebte mit ihrer Familie in der Hausnummer 28, die im ehemaligen Altona lag; es handelte sich um einen Hinterhof. Die genauen Wohnverhältnisse sind mir nicht bekannt.

Aus Unterlagen des Landesarchivs Schleswig-Holstein in Kiel geht hervor, dass Frieda ihren Eltern im Sommer 1940 folgen wollte, jedoch im Juli 1940 an der Grenze festgenommen wurde. Sie kehrte daraufhin nach Neumünster zurück. Dort wurde am 13. April 1941 ihre Tochter Irmgard geboren.

Die Deportation vom 11. März 1943

Am 11. März 1943 wurde Frieda K. gemeinsam mit ihrer Familie über den Hannoverschen Bahnhof (heute HafenCity, hinter dem SPIEGEL-Gebäude) nach Auschwitz deportiert. Bereits einige Tage zuvor, vermutlich am 8. März 1943, wurden sie von der Kriminalpolizei, die für diese Aktion verantwortlich war, in ihrer Unterkunft in der Hamburger Hochstraße 28 abgeholt. Der Transport erfolgte in Viehwaggons. Es wird vermutet, dass Irmgard bereits während der Zugfahrt nach Auschwitz ums Leben kam.

Im KZ Auschwitz

Käthe starb am 25. August 1943, Heinrich am 7. Mai 1944. Von den etwa 21.000 in Auschwitz inhaftierten Sinti und Roma kamen rund 13.600 infolge der von der SS organisierten Mangelernährung sowie durch Krankheiten und Seuchen ums Leben.

Im August 1944 wurde das sogenannte „Z-Lager“ in Auschwitz aufgelöst, da das NS-Regime Arbeitskräfte für die Rüstungsproduktion in Konzentrationslagern im Deutschen Reich benötigte. Frieda berichtete später als Überlebende, dass Ende Juli 1944 eine große Selektion durch die SS stattfand. Etwa 1.400 Sinti und Roma wurden als arbeitsfähig eingestuft. Am 2. August 1944 verließ ein Zug mit ihnen Auschwitz, darunter auch Frieda. Die rund 2.900 Zurückgebliebenen wurden noch am selben Abend in den Gaskammern ermordet. „Die Lagermannschaft hat Benzin darüber gegossen und ein Feuer angezündet“, berichtete sie später.

KZ-Außenlager Zwodau (Tschechoslowakei)

Ihr Mann Franz war bereits am 24. Mai 1944 in das KZ Flossenbürg verlegt worden. Im März 1945 kam er in das KZ Dachau, wo er am 29. April 1945 von der US-amerikanischen Armee befreit wurde. Frieda wurde am 3. August 1944 als Häftling im KZ Ravensbrück registriert und von dort im September 1944 vermutlich in das KZ-Außenlager Zwodau in der Tschechoslowakei verschleppt, ein Frauenlager. Die Frauen mussten in der stillgelegten Kammgarnspinnerei Ignaz Schmieger für das Luftfahrtgeräte- werk Hakenfelde – eine Tochterfirma von Siemens – Spulen, Schalter und Messgeräte herstellen. Am 20. April 1945 wurde das Lager von der SS geräumt. Nach drei Tagen Fußmarsch ließ die SS die Frauen in das bereits weitgehend zerstörte Lager zurückkehren. Am 7. Mai 1945 wurden sie dort von amerikanischen Truppen befreit.

Warum möchte ich Ihnen von Frieda und ihrer Familie erzählen?

Am 11. März 1943 wurden Nachbar:innen aus der Hamburger Hochstraße in das KZ Auschwitz deportiert. Dieser Jahrestag jährt sich in diesen Tagen. Das ist für mich der Anlass, Ihnen von ihrem Schicksal zu berichten. Es handelt sich gewissermaßen um Ihre historischen Nachbar:innen. Sinti und Roma sind unter den Opfern des Nationalsozialismus bis heute wenig sichtbar – auch das ist ein Spiegel ihrer historischen Ausgrenzung.

Es ist eine bedrückende Realität, dass Sinti und Roma bis heute die größte ethnische Minderheit in Europa sind und zugleich besonders stark von Diskriminierung betroffen sind. Obwohl der Völkermord an ihnen mittlerweile anerkannt ist, halten sich alte Vorurteile hartnäckig. Diese Form des Rassismus wird als Antiziganismus bezeichnet. Benachteiligung, Ausgrenzung und Stigmatisierung betreffen viele Bereiche des gesellschaftlichen Lebens – etwa Wohnen, Bildung und Arbeit.

* Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes habe ich auf die Nennung des vollständigen Nachnamens verzichtet. Die Deportationslisten sind öffentlich zugänglich

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