Aus Anlass des 8. September 1943, dem Waffenstillstand Italiens mit den Alliierten, finden in Hamburg verschiedene Aktivitäten statt. Das Ereignis führte zum Gefangennahme der italienischen Soldaten und dem Status der „Militärinternierten“. In Hamburg soll an die NS-Zwangsarbeitergruppe erinnert werden.
Auf dem heutigen Sportplatz, zwischen Max-Brauer-Allee, Bodenstedtstraße und Schnellstraße, gab es bis Anfang 1945 ein Lager für italienische Militärinternierte (IMI). Sie wurden als NS-Zwangsarbeiter von der damaligen Stadtreinigung für Trümmerarbeiten eingesetzt. Als Lager diente die Jugendherberge, die sich damals auf dem Platz befand, auf Höhe des Amtsgerichts an der Schnellstraße.
Mit einer Kundgebung wollen wir an die vergessenen NS-Zwangsarbeiter auf dem Sportplatz erinnern: Freitag, 6. September 2024, 17 Uhr,Diren-Dede-Platz, Bodenstedtstraße/Ecke Zeiseweg
Wer waren die italienischen Militärinternierten?
Es handelte sich um italienische Soldaten. Sie wurden nach dem 8. September 1943 von der deutschen Wehrmacht gefangen genommen. An diesem Tag wurde ein Waffenstillstand der italienischen Regierung mit den Alliierten verkündet. Mussolini war im Juli 1943 gestürzt worden. Die Wehrmacht besetzte daraufhin Norditalien und stellte die italienischen Soldaten vor die Alternative, entweder an der Seite Deutschlands weiter im Krieg zu kämpfen oder als Zwangsarbeiter nach Deutschland geschickt zu werden. Rund 650.000 sagten „Nein“ und wurden als Zwangsarbeiter verschleppt, davon 17.000 nach Hamburg. Sie sollten nicht als Kriegsgefangene anerkannt werden, sodass Hitler ihnen den Status der „Militärinternierten“ (IMI) gab, um sie auch in der Rüstungsindustrie einsetzen zu können.
Warum das Zwangsarbeiterlager auf dem Sportplatz?
Eine halbe Millionen Zwangsarbeiter*innen wurden insgesamt von 1939 bis 1945 in Hamburger Unternehmen eingesetzt. Sie wurden aus ihrer Heimat verschleppt und genötigt, in Hamburg zu arbeiten. Sie mussten in über 1.200 Lagern in Hamburg leben. Die 1922 auf dem Sportplatz erbaute Jugendherberge war während des Krieges von der Stadt Hamburg übernommen worden, um dort ein Zwangsarbeitslager für 150 italienische Militärinternierte einzurichten.
Warum an die NS-Zwangsarbeit erinnern?
Zwangsarbeiter*innen wurden in der Kriegswirtschaft dringend benötigt. Der Abzug der deutschen Arbeitskräfte an die Front musste ausgeglichen werden. Sie hielten aber nicht nur die Produktion aufrecht, sondern steigerten auch die Umsätze und Gewinne der in der Kriegswirtschaft tätigen Firmen.
Jeden Tag bewegten sich in den Kriegsjahren bis 1945 Zehntausende Zwangsarbeiter*innen durch Hamburg. Zwangsarbeiter*innen aus anderen Ländern in einer Fischräucherei in der Haubachstraße, im Lager in der heutigen Max-Brauer-Allee, in der Harkortstraße bei Appel Feinkost und weiteren Betrieben im Umfeld. Es war das sichtbarste Zeichen der Ausbeutung und Verschleppung von Menschen aus anderen Ländern zur Zwangsarbeit in der NS-Zeit.
Die italienischen Militärinternierten waren als Soldaten einst Verbündete Deutschlands. Ihr „Nein“ zum Krieg machte sie zu Verrätern. Sie wurden in den Lagern und den Betrieben oft besonders schlecht behandelt: ihre Lebensbedingungen waren von Hunger und unzulänglicher Unterbringung gekennzeichnet. Etwa 60.000 Militärinternierte überlebten die Gefangennahme bzw. Gefangenschaft nicht.
Die NS-Zwangsarbeit und die Ausbeutung der italienischen Militärinternierten sind völlig aus dem Bewusstsein über die Verbrechen des NS-Systems geraten. Bis heute wurden die italienischen Militärinternierten nicht entschädigt. Dass es ein Zwangsarbeitslager auf dem Sportplatz gab, ist öffentlich vergessen. Mit unserer Kundgebung richten wir den Blick auf die italienischen Militärinternierten. Daran zu erinnern ist unsere Absicht. Vergessen wir nicht, zeigen wir Haltung zu den Verbrechen des NS-Systems und zu aktuellen Rechtsentwicklungen.