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Holger Artus

Hindelchen Karp, Frickestraße 24

Die Stolpersteine für Hindelchen Karp wurden 2019 verlegt. Ich habe mich an der Recherche zu ihren biographischen Eckdaten beteiligt und einiges dazu aufgeschrieben. Zusammen mit Ralf Dorschel habe ich eine Nachbarschafts-Info an die Mieter:innen in der Große Bergstraße 250 verteilt, wo sie von 1932 bis 1939 wohnte. Jetzt habe ich die Mieter:innen in der Frickestraße 24 verteilt, wo Hindelchen Karp von 1939 bis 1942 lebte. Hier die verteilte Info:

Liebe Nachbarn,

Sie werden feststellen, dass es gar keine Hindelchen Karp bei Ihnen gibt. Ich bin über ihren Namen gestolpert, da sie zu den jüdischen Bewohnerinnen gehörte, die im Juli 1942 über die Schule Schanzenstraße nach Theresienstadt/ Terezin in der CSR deportiert wurden. Von 1939 bis 1942 musste sie in der Frickestraße 24 leben. Ich wohne in unmittelbarer Nähe der Schule, wo seit dem 15. Juli 2022 die 1.700 Namen der 1942 deportierten jüdischen Menschen auf einer Erinnerungstafel aufgeführt sind. Auf der Tafel steht auch der Name von Hindelchen Karp.

Drei Stolpersteine liegen für Hindelchen, ihre Söhne Elias und Josef Karp vor der Großen Bergstraße 250 in Altona. Hindelchen Karp war 60 Jahre alt, als sie hier einzog. Sie wohnte dort vom 23. Mai 1932 bis zum 19. März 1939 in einer 2-Zimmer-Wohnung.

Es war ein langgezogenes Gebäude mit Wohnungen im Parterre und im 1. Stock. Eigentümer war die Leja-Stiftung.

Ihre Söhne lebten zum Zeitpunkt ihres Einzugs nicht mehr bei ihr. Heute steht dort ein Neubau, seit 1870 waren dort 43 paritätische Stiftswohnungen. Stift meinte damals, dass sie in erster Linie für „Bedürftige Bewohner der Stadt“ gedacht waren und es sich um Freiwohnungen handelte. Paritätisch meinte: Hier lebten Menschen jüdischer und christlicher Konfession. 

Als Hindelchen Simon wurde sie am 1. Juni 1873 in Friedrichstadt in Schleswig-Holstein geboren. Henny war ihr Rufname. 1889/1890 zogen ihre Eltern, Sara und Simon Levy Simon, und deren vier Kinder, Hindelchen (1873), Clara (geb.1877), Israel (1879) und Regina (1881) nach Hamburg. 

1907 heiratete sie Samuel Leip Karp, der am 23. November 1876 in Grodek, im polnischen Galizien geboren wurde.  Die beiden wohnten zuerst in Harburg. Am 6. Dezember 1907 wurde Eisig Eduard geboren, am 19. September 1909 Elias und am 28. November 1912 Josef. Seit 1918 wohnte die Familie in der Altonaer Kleinen Papagoyenstraße 3. Ihr Mann starb 1927. Henny Karp betrieb ab 1928 in der Kleinen Papagoyenstraße 3 ein jüdisches Speisehaus, in dem sie Mittagessen anbot. Diese Straße gibt es heute nicht mehr. Vermutlich bis 1936 verkaufte sie koschere Konserven. Sie war Mitglied in einem der größten Hamburger Vereine, dem „Verein zur Förderung ritueller Speisehäuser“. Für jüdische Reisende, Hotelgäste und Gemeindemitglieder wurden nach den jüdischen Speisegesetzen Lebensmittel angeboten. Der Verein organisierte dieses Angebot deutschlandweit und war international aufgestellt. 

Ihr Sohn Elias Karp wurde Arzt. Er gehörte zu den deutschen Freiheitskämpfer:innen, die nach dem Putsch der demokratisch gewählten spanischen Regierung durch die Faschisten unter Franco von 1937-1939 in den Internationalen Brigaden kämpften, um die spanische Republik zu verteidigen. Er war Major-Chefarzt. Nach der Niederlage der republikanischen Regierung 1939 wurde er in Frankreich interniert. Am 20. Oktober 1942 wurde er über das Lager Rivesaltes in Frankreich nach Auschwitz verschleppt und dort ermordet. Das Schicksal seines Bruders Josef konnte bisher nicht sicher geklärt werden. Er wurde Ende der 1950er Jahre vom Amtsgericht Rendsburg für tot erklärt, hier war er 1931 in einem Wohnheim gemeldet. Hindelchens ältester Sohn, Eduard Karp, überlebte den Holocaust in Schweden und starb in den 1980er-Jahren in Israel.

Zum 20. März 1939 wurde Hindelchen Karp gezwungen, ihre Wohnung in der Großen Bergstraße 250 zu verlassen und in das Martin-Brunn-Stift in der Frickestraße 24 ziehen, in den 2. Stock, die Wohnung Nummer 40. Sie werden die Geschichte Ihres Hauses kennen. So wie die Vaterstädtische Stiftung „arisiert“ wurde, erging es auch den Leja-Stiftung. Die jüdischen Bewohnerinnen und Bewohner aus der Vaterstädtischen mussten in die Frickestraße 24, in den Warburg-Stift (Grundelviertel), in der Bundesstraße 43 und den Mendelssohn-Israel-Stift im Kurzen Kamp 6 (Fuhlsbüttel) ziehen. Aus dem Leja-Stift habe ich zurzeit Hindelchen Karp gefunden, die in den Martin-Brunn-Stift umziehen musste.

Am 20. März 1940 musste Hindelchen Karp in das so genannten Judenhaus in der Bogenstraße 25/27 ziehen. Am 15. Juli 1942 wurde sie über die Schule deportiert. Wann Hindelchen im Getto ermordet wurde, konnte nicht festgestellt werden. Als Todestag wurde in den 1950er-Jahren auf Grund einer Aussage eines damaligen Mit-Insassen aus dem Ghetto das Frühjahr 1944 bestimmt.

Mehr über Hindelchen Karp, ihre Söhne und die Deportationen vom Juli 1942 finden Sie auf unser Web-Seite www.sternschanze1942.de

Gruß

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