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Holger Artus

Mal klappt es, mal nicht – aber es lohnt sich, es immer wieder zu versuchen

Wenn es bei uns im Viertel um die Verlegung oder Finanzierung der Stolpersteine geht, bemühe ich mich. Sei es eine Info nach der Verlegung oder die Einladung zu einem Treffen an einem verlegten Stein. Ab und zu versuche ich auch, Menschen zu gewinnen, ob sie sich eine Finanzierung vorstellen kann. So im Fall der Familie Zlatner, soweit sie bis 1939 nicht fliehen konnte. Mal klappt es , manchmal auch nicht. Eine Erwartungshaltung habe ich nicht, es sei, es geht um ein konkretes Projekt. Manchmal bin ich enttäuscht, dass gar keiner reagiert, aber auch überrascht, dass da plötzlich jemand sagt: „Wir übernehmen.“ Meisten mache ich das so, dass ich die Geschichte der NS-Opfer, soweit ich es mit Bordmitteln bewerkstelligen kann, aufzuschreiben und zu erzählen. Sie landet in den Briefkästen oder im Mail-Eingang, so auch in diesem Fall. Es hat diesmal funktioniert.

Vor dem Haus Kleiner Schäferkamp 8 liegt kein Stolperstein, der an NS-Opfer erinnert. Aber wenn Sie durch unsere Straßen gehen, werden Sie überall welche vorfinden. Zum Beispiel vor Haus Kleiner Schäferkamp 32. Es war früher ein so genanntes Judenhaus. Jüdische Menschen wurden gezwungen, in diesen Massenunterkünften zu hausen, bis sie deportiert wurden. Zuvor waren sie von den Nazis aus ihren ursprünglichen Wohnungen vertrieben worden oder vor der antisemitischen Hetze und dem Mob geflohen. Die Familie Berta, Herbert, Marion, Ruth und Tana Lesheim nahmen in ihrer Wohnung Kleiner Schäferkamp 16, Haus B im 1. Stock, ihren Deportationsbefehl in Empfang. Sie wurden am 25. Oktober 1941 nach Litzmannstadt/Lodz verschleppt und dort ermordet. Ein Stolperstein erinnert an diese Familie vor ihrem ersten gemeinsamen Wohnort, Grindelhof 83. 

Was will ich von Ihnen?
Viele Stolpersteine sind noch nicht verlegt worden, das größte dezentrale Denkmal Europas wächst Jahr für Jahr. Die Messingsteine kommen nur aufgrund von Spenden zustande, aus der Nachbarschaft, von Angehörigen oder durch Spendenaufrufe. Ich möchte Sie gewinnen, dass es auch vor Kleiner Schäferkamp 8 einen Stolperstein gibt, und zwar für Lea Zlatner und ihre Familie. Es war ihr letzter Wohnsitz in Hamburg. Heute steht dort das Haus des Sports, im Erdgeschoss ist die Gastronomie Peter Pane vertreten. 

Wer war Lea Zlatner?

Im folgenden beziehe ich mich auf die Unterlagen, die ich im Hamburger Staatsarchic gfeunden haben: Lea Zlatner, geborene Feuer, wohnte bis Mai 1933 mit ihren Eltern, Chaim und Peska Feuer, Kleiner Schäferkamp 8. Im April 1933 war Chaim nach Belgien gereist, um für seine Familie eine sichere Unterbringung zu finden, und um die Zukunft für seine Familie zu klären. Flüchtlinge, würde man heute sagen. Im April 1933 hatten die Nazis zum ersten Boykott jüdischer Geschäfte aufgerufen. Der Antisemitismus war keine Erfindung der Nazis, sondern wurde von anderen bürgerlichen Parteien, die Hindenburg nahestanden, massiv betrieben. 1930 hatte die NSDAP in Hamburg gerade einmal  2,6 Prozent, andere antisemitischen Parteien zwischen 10 bis 15 Prozent Wählerstimmenanteile. In Hamburg hatte die NSDAP bei den Bürgerschaftswahlen 1933 keine absolute Mehrheit. Andere Parteien betätigten sich als Steigbügelhalter, in dem sie mit ihr zusammen den Senat bildete, der zur Hälfte von der NSDAP gestellt wurde. Der Stahlhelm, eine paramilitärische Truppe, bezeichnete sich vor 1933 als die „wahren Faschisten“. Der Antisemitismus war tief in den ehemaligen Reichswehrsoldaten verankert. Chaim Feuer sah, wie viele jüdische Menschen, nur noch eine Zukunft in Palästina, den Niederlanden oder Belgien. Im Mai 1933 folgte ihm seine Familie nach Lüttich.

Chaim Feuer hatte zuvor ein Kürschnergeschäft in der Bogenstraße 24. Lea war am 22. Juni 1911 in Hamburg (Altona) auf die Welt gekommen. Sie waren vier Geschwister: Hanna (1908), Siegfried (1909), Lea (1911) und Jeanette (1918). Lea besuchte die Israelitische Töchterschule in der Karolinenstraße 35 und ging danach auf eine kaufmännische Handelsschule. Ab 1927 arbeitete sie im Sporthaus Graßmann in der Hamburger Innenstadt. Mittlerweile hatte sie zwei Sprachen gelernt und liebte Musik. Ihre Eltern ermöglichten ihr bis 1933 ein Besuch einer Musikhochschule. Seit 1932 arbeitete Lea in einer Rechtsanwaltskanzlei Neuer Wall. In Belgien mussten sich dann alle Familienmitglieder neues Leben aufbauen: Chaim und Peska eröffneten ein Restaurant, Siegfried gründete ein Fahrradgeschäft. Lea arbeitete bei einem Friseur, in dem sie ihren Mann Arpad Zlatner kennenlernte, der am 25. Mai 1901 im Tschechischen Cadca geboren worden war. Am 3. Februar 1939 wurde Tochter Judith geboren. Doch diese neue Zukunft in Belgien fand nach dem Überfall Deutschlands erst auf die Niederlande und dann auf Belgien im Mai 1940 ein Ende:  Alle jüdischen Menschen wurden in Belgien gezwungen, in Antwerpen zu leben und wurden in das “Judenregister” eingetragen. Die Nazis sprachen mittlerweile davon, ganz Europa zu “entjuden” – und meinten 10 Millionen Menschen. Die Familie Zlatner lebten bis Mai 1942 in der Provinciestraat 128. Arpad wurden 1941 verhaftet und verschleppt, so dass Lea mit Judith zurückblieb. Ab dem 7. Juni 1942 mussten sie den Judenstern tragen, am 29. August wurden beide nach Auschwitz deportiert und später für tot erklärt. Ihre Schwester Jeanette war frühzeitig nach Palästina geflohen, ihr Vater floh nach dem Tod seiner Frau ebenfalls nach Palästina. Hanna und Siegfried wurden ebenfalls ermordet.

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