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Holger Artus

Bertha von Halle und Edgar Witter, Magaretenstraße 74

Die Verteilung eines kleinen Infos zur kommenden Stolperstein-Verlegung am Sonnabend, den 19. März 2022 vor der Magaretenstraße 74 in den dortigen Straßenzügen um die Adresse, war heute eine sehr angenehme Sache. Ich hatte überall an den Haustüren sehr nette und aufgeschlossene Gespräche. Ach, war das nett! Mit einem Nachbarn zusammen habe ich dazu eingeladen, am Sonnabend um 18 Uhr Blumen an den beiden neuen Stolpersteinen für Bertha von Halle und ihren Sohn niederzulegen. Jetzt muss es nur noch mit dem Stolpersteinen klappen.

Bertha von Halle wurde am 19. Juli 1905 In Hamburg geboren. Sie war seit 1925 mit dem Arbeiter Adolph Witter verheiratet. Am 28. November 1926 wurde ihr Sohn Edgar geboren. Die Ehe scheiterte 1932, das Paar trennte sich, Bertha nahm wieder ihren Geburtsnamen an. Es war eine Zeit der Massenarbeitslosigkeit, von Armut und Hunger in Deutschland. Bertha von Halle bezog für sich und ihren Sohn wöchentlich 15 RM Fürsorge-Hilfe. Sie war mittellos, bezog von Kleidung bis zum Bett alles vom Fürsorgeamt. Sie zieht 1933 bei der Familie Frank in der Altonaer Straße 48 für 6 RM Miete in eine 1-Zimmer Wohnung ein. Im Frühjahr 1934 zieht sie in den Laufgraben 4. Seit September 1934 mietet sie eine 2-Zimmer-Wohnung in der Margaretenstraße 74, Haus II, im Parterre. Edgar ging im Grindelviertel auf die Talmud-Tora-Schule. Es war für ihn die einzige Möglichkeit, zur Schule zu gehen, da jüdischen Kindern der Zutritt zum staatlichen Unterricht verboten war.

Die jüdischen Gemeinde kümmerte sich um Edgar und die anderen Schülerinnen und Schüler. So konnte er mehrmals mit der Gemeinde für vier Wochen an die Ostsee nach Kolberg verschickt werden. Bertha beantragte während einer dieser Verschickungen für ihren Sohn bei der Fürsorge ein Paar Stiefel, ein Hemd und ein Paar Strümpfe: “Da mein Kind verreist ist, möchte ich bitten, das zu bewilligen, da ihm das gefallen würde”. Vorher hatte sie wiederholt Anträge wegen der vollständig abgelaufenen Schuhe gestellt oder ein Bett, da sein altes zu klein geworden war. 

Quelle: Staatsarchiv Hamburg, 351-14_1235

Bertha von Halle wurde 1937 und 1938 trotz der Verdrängung jüdischer Menschen auch aus dem Berufsleben vom NS-Staat zur Arbeit gezwungen. Die Fürsorgestelle vermerkte ein dickes “J” für Jüdin auf ihrer Arbeitskarte. Sie musste in der Fischkonserven-Fabrik Gebrüder Kähler in Lokstedt arbeiten. Dort trennte man die jüdischen Arbeiterinnen von den “Ariern”, die zu schlechteren Arbeitsbedingungen und unter staatlicher Überwachung schuften mussten. Denn die Zwangsarbeit diente auch der Schikane, um die Jüdinnen und Juden aus Deutschland zu vertreiben.

Bertha von Halle hatte vier Geschwister. Ihre Mutter Hanna lebte in einem jüdischen Wohnstift in der Bundesstraße 35.  An ihren Bruder Alfons erinnert ein Stolperstein vor dem Eingang in die Weidenallee 10. Er wohnte in der Nummer 8 mit seiner Familie. Bekannt ist zudem, dass ihre Schwestern, Paula Friedländer und Elsa Nissensohn, den Holocaust überlebten. 

Zum 18. November 1941 erhielten Bertha von Halle und Edgar Witter den Deportationsbefehl an ihre Wohnadresse in der Margaretenstraße 74 nach Minsk, in der Sowjetunion. Die Wehrmacht hatte das Land besetzt und ein Minsker Stadtteil zum Ghetto erklärt. An diesem Tag wurden 406 jüdische Menschen aus Hamburg nach Minsk verschleppt, insgesamt über 900, auch aus Bremen oder Köln. Am 8. November 1941 war bereits eine große Deportation aus Hamburg nach Minsk erfolgt. Der Platz im Getto wurde durch Massenerschießungen der jüdische Menschen organsiert. Genauso verfuhr man, als man das Ghetto 1944 räumte. Heute kann man nicht sagen, wann Bertha von Halle und Edgar Witter ermordet wurden. Was man sagen kann: Bis zum 19. März 2022 gab es keinen Stein, der daran erinnert, was ihnen widerfahren ist und sie in der Margaretenstraße 74 gewohnt hatten. Nur vier der damals insgesamt Deportierten nach Minsk erlebten den Tag der Befreiung Europas vom Faschismus am 8. Mai 1945. 

Wir würden uns freuen, Sie, die heutigen Nachbarn von Bertha von Halle und Edgar Witter, am 19. März zu treffen.

Hier das Info als pdf.

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