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Holger Artus

Italiener und Italienerinnen im KZ Neuengamme: Ein vergessenes Kapitel

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Bei der Diskussion, wie wir an den Wehrmacht-Deserteur, Justus Friedrichs, erinnern, waren ursprünglich drei Veranstaltungen geplant: eine Stolperstein-Verlegung in der Sentastraße, eine Kundgebung an seinem Todestag am Deserteurs-Denkmal und eine Veranstaltung zu den Italiener:innen im KZ Neuengamme.

Aus der Diskussion mit den demokratischen Kräften in Bassano del Grappa kam noch das Thema der NS-Täter in Italien 1943-1945 dazu.

Im Februar 2026 hatten wir mit der Debatte begonnen, im April 2026 hatten wir unsere erste Abstimmung mit den Menschen aus Bassano del Grappa. Ursprünglich wollten wir uns mit dem DGB-Hamburg abstimmen, dass wir deren Flaggen-Hissen vor dem Gewerkschaftshaus am 1. September 2026 als Auftakt vorstellen könnten. Wenn es nach mir gegangen wäre, sollte das ein politisches Zeichen der Arbeiterbewegung werden, dass man gegen den Krieg auftritt und dass man sich auch konkret verhalten kann. Der Pazifismus gehört zu Arbeiterbewegung. Aber das funktionierte nicht, da die Aktionsform keine Unterstützung mehr bei den Aktiven findet. Mein Bild: 150 Menschen treffen sich vor dem Gewerkschaftshaus. Das Thema Desertion bestimmt die Beiträge, mit Gästen aus Italien machen wir unsere internationalistische Haltung deutlich. Doch Mangels Haltung im Gewerkschaftshaus und Masse nahmen wir davon Abstand.

Bei der Planung zur Veranstaltung zu den Italiener:innen im KZ Neuengamme entschieden wir uns für den „Geschichtsort Stadthaus“ und planten mit 30 Personen. Einer der in die KZ Verschleppten vom Monte Grappa, Sebastiano Ziliotto, kam ins KZ Neuengamme. Zu ihm gab es sehr wenig zu erzählen. Sowohl was den Lebensabschnitt in Crespano del Grappa betraf, noch den Ort seines Todes in Neuengamme. Heraus kam eine Erzählung die Idee, etwas zu den 1.200 Italliener:innen in Neuengamme sowie das Massaker am Monte Grappa und den 44 Verschleppten zu machen. Hier der Einladungstext, an dem mehrere gewirkt haben:

Die Veranstaltung widmet sich den Lebenswegen und Schicksalen der italienischen Militärinternierten. Sie möchte ihr Gedenken in Hamburg lebendig halten und die Besonderheiten ihrer Verfolgungsgeschichte beleuchten. Ein besonderer Abschnitt wird sich mit den Opfern der „Operation Piave“ am Monte Grappa befassen.

Donnerstag, 29. Oktober 2026, 18 Uhr, Geschichtsort Stadthaus, Stadthausbrücke 6

Mit Susanne Wald, Projektgruppe italienische Militärinternierte Hamburg, KZ Gedenkstätte Neuengamme

Dr. Sonia Residori, Doktorin der „Wirtschaftsgeschichte“, Lehrbeauftragte an der Universität Padua

Hintergrundgeschichte:

Nach der Verkündung des italienischen Waffenstillstands am 8. September 1943 zwischen der neuen italienischen Regierung und den Alliierten begann die systematische Deportation von Italiener:innen in deutsche Konzentrationslager. Im KZ Neuengamme waren insgesamt rund 1.200 italienische Häftlinge inhaftiert, darunter etwa 100 Frauen. Die Mehrheit trug den roten Winkel der politischen Häftlinge. Es waren Partisan:innen der Resistenza, Antifaschist:innen, Streik- teilnehmer:innen oder Männer, die den Dienst in der faschistischen Italienischen Sozialrepublik (Republik von Salò) verweigerten. Hinzu kamen italienische Militärinternierte, Zwangsarbeiter sowie jüdische Verfolgte.

Die meisten von ihnen wurden in die Außenlager des KZ Neuengamme verlegt, wo sie unter mörderischen Bedingungen Schwerstarbeit leisten mussten, etwa beim Bau von Verteidigungs- anlagen oder in der Rüstungsindustrie. Die Sterblichkeit unter den italienischen Häftlingen im KZ Neuengamme war mit über 30 Prozent im Vergleich zu anderen Häftlingsgruppen außergewöhnlich hoch. Zu ihnen gehörte auch Sebastiano Ziliotto aus Crespano del Grappa. Er wurde gemeinsam mit weiteren Bewohner:innen seiner Heimatregion am Monte Grappa verhaftet und zunächst in das KZ Dachau verschleppt. Als Einziger dieser Gruppe kam er anschließend in das KZ Neuengamme, wo er die Haft nicht überlebte. Im September 1944 begann die Wehrmacht und SS mit der sogenannten „Operation Piave“ am Monte Grappa, um die Partisanenbewegung zu zerschlagen. Mehr als 170 Partisanen wurden erschossen. Aus den Orten rund um den Monte Grappa wurden zudem fast 50 Menschen in das KZ Dachau deportiert und zahlreiche Höfe in der Region niedergebrannt.

Auch der in Hamburg eingesetzte Zwangsarbeiter Pietro Beltrando kam im KZ Neuengamme ums Leben. Er war bei der Firma F. H. Schule Mühlenbau zur Zwangsarbeit eingesetzt, wurde verhaftet und in im KZ Neuengamme ermordet. Er wurde Opfer der NS-Ziviljustiz, die ihn zum Tode wegen „Plünderei“ verurteilte Eine Erinnerungstafel am Bullerdeich erinnert an ihn. Für Filippo Faustinelli wurde ein Stolperstein vor dem Billhorner Deich verlegt. Er kam im KZ Außenlager Drütte (bei Braunschweig) ums Leben.

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