Die Erzählung zu Justus Friedrichs teilte sich in fünf Bereiche auf. Erstens: Wir erinnern an einen Wehrmachts-Deserteur in Italien ganz praktisch, über eine Kundgebung am 23. September 2026. Wir informieren die Nachbarschaft in der Sentastraße, wo die Familie Friedrichs lebte und bemühen uns um eine Stolperstein-Verlegung.
Zweitens: Wir erzählen etwas über das Massaker am Monte Grappa, das in den deutschen Erzählungen über das Wüten der Wehrmacht, SS und Ordnungspolizei in Italien nicht Bestandteil der Erinnerungskultur ist, Dabei war uns bewusst, dass es noch viele andere Massaker gegeben hatte.
Drittens: Wir sprechen über die NS-Opfer in der Region. Dabei ging es darum, etwas über Sebastiano Ziliotto zu erzählen und organisieren eine Veranstaltung zu den Italiener:innen im KZ Neuengamme bzw. dessen Außenlager. Wir suchen nach weiteren italienischen Opfern im KZ Neuengamme und sprechen darüber. So kam es zu Pietro Beltrando, Felice Galliano und Danilo Pezzo. Bei Felice Galliano bemühen wir uns um einen Stolperstein.
Viertens versuchen, ernsthafte Beziehungen zu den Trägern der Erinnerungskultur am Monte Grappa zu bekommen. Dazu gehört ihre Einladung nach Hamburg. Über den Austausch vermitteln wir ein Bild, dass in den italienischen Orten am Monte Grappa eine eigenständige und stark getragene Erinnerung gibt.
Fünftens: Wir sagen wir etwas zu den deutschen NS-Tätern und machen dazu eine Veranstaltung. Hier die Einladung zu einer Veranstaltung am 28. Oktober 2026 im italienischen Kulturinstitut zu den NS-Tätern in Italien 1943-1945. Der Text hat mehrere Autor:innen, ich war einer davon.

Die deutsche Besatzung Italiens zwischen 1943 und 1945 kostete bis zu 70.000 Menschen das Leben. Mehr als 10.000 Zivilpersonen wurden bei Massakern, Massenerschießungen und sogenannten Vergeltungsaktionen deutscher Truppen ermordet. Viele dieser Verbrechen sind in Italien bis heute Teil der lokalen und familiären Erinnerung; in Deutschland wurden sie dagegen lange nur begrenzt wahrgenommen.
Der Historiker Dr. Carlo Gentile beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der deutschen Besatzungsherrschaft in Italien und der Geschichte der dort verübten Kriegsverbrechen. Mit dem von ihm geleiteten Projekt „NS-Täter in Italien 1943–1945“ werden die Verbrechen, ihre Tatorte und die daran beteiligten Täter, militärischen Einheiten und Institutionen quellenbasiert dokumentiert und öffentlich zugänglich gemacht. Im Zentrum des Projekts steht eine mehrsprachige Webseite auf Deutsch, Italienisch und Englisch. Sie enthält Täterbiografien, Einheitenprofile, Darstellungen einzelner Tatorte, historische Einordnungen, Materialien zur juristischen Aufarbeitung und ausgewähltes Bildmaterial. Damit verbindet das Projekt wissenschaftliche Forschung mit öffentlicher Vermittlung.
Der Vortrag fragt nach den konkreten Verantwortlichkeiten hinter den Massakern: Wer waren die Täter? In welchen militärischen und politischen Strukturen handelten sie? Welche Rolle spielten Befehle, Ideologie, Handlungsspielräume und lokale Situationen? Und warum blieb die juristische und gesellschaftliche Aufarbeitung vieler Verbrechen nach 1945 so lange unzureichend? Die Auseinandersetzung mit den Tätern ersetzt nicht die Erinnerung an die Opfer. Sie macht vielmehr sichtbar, wie die Verbrechen ermöglicht wurden — durch Institutionen, Entscheidungen, Befehle und Menschen, die handelten. Gerade deshalb ist Täterforschung ein notwendiger Teil einer verantwortlichen Erinnerungskultur.
Die Veranstaltung fragt zugleich danach, welche Rolle digitale Projekte heute für die deutsch-italienische Erinnerungskultur und für die Vermittlung deutscher Verantwortung spielen können.
