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Holger Artus

Charlotte Brauer, Rappstraße 10

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Seit 2019 wird bei uns im Viertel eine Kundgebung zum Jahrestag der beiden Deportation im Juli 1942 über die Schule Sternschanze organisiert. Wir wenden uns vor allem an unsere Nachbarschaft im Wohngebiet. Zusätzlich werden zu einzelnen Deportierten Nachbarschafts-Infos verteilt. Sie werden an den Adressen verteilt, in denen damals die Deportierten gelebt hatten. Aus diesen Häusern kommen immer wieder auch Menschen zur Kundgebung.

Dieses Jahr war das besondere, dass wir über Claus Borchardt gestolpert waren. Er war der einzige aus der Deportation, der in der Schule Schanzenstraße eingeschult (1936 „runtergeschmissen“) und 1942 nach Theresienstadt/Terezin verschleppt wurde. Wir hatten einen Mieter aus der Wohnadresse der Borchards als Redner gewonnen.

Ohne das es Routine wird, sind wir immer darum bemüht, Angehörige einzuladen. Die Deportierte Martha von Brockhausen kam aus Kiel, so dass wir hier mehrere Infos zu den Verschleppten verteilt hatten. Da wir niemanden aus Kiel nach Hamburg bekommen würden, wurde eine Veranstaltung in Kiel geplant, die aber leider aus zeitlichen Gründen nicht realisiert werden konnte. 

Hier die die einzelnen Nachbarschafts-Infos über einzelne Deportierte.:

Bertha und Georg Brauer lebten ursprünglich in Kattowitz. Dort wurde am 13. Juli 1921 ihre Tochter Charlotte geboren, ein Jahr später ihr Sohn Günther. 1927 zog die Familie nach Hindenburg in Oberschlesien, heute das polnische Zabrze.

Die Familie war 1939 aus Mannheim nach Hamburg gezogen. Sie hoffte, von hier aus nach Bolivien auswandern zu können. Viele jüdische Familien versuchten damals, Deutschland zu verlassen, um der Verfolgung durch die Nationalsozialisten zu entkommen. Auch die Familie Brauer hatte bereits eine Ausreisegenehmigung erhalten.

Doch mit dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 und dem Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde die Ausreise über Hamburg nahezu unmöglich.

Georg Brauer betrieb dort eine Schlosserwerkstatt. 1936 zog die Familie nach Mannheim. Für jüdische Menschen wurde das Leben in Deutschland zu dieser Zeit immer schwieriger. Die Nationalsozialisten wollten sie aus dem gesellschaftlichen Leben verdrängen und schließlich vertreiben.

Charlotte Brauer hatte in Hindenburg die Schule besucht. In Mannheim durfte sie jedoch keine staatliche Schule mehr besuchen. Sie begann deshalb ein Praktikum im Jüdischen Krankenhaus Mannheim. Nachdem dieses auf Druck der Behörden geschlossen worden war, arbeitete sie in einer jüdischen Privatklinik weiter.

Zur Untermiete in der Rappstraße 10

Die Familie wohnte zunächst als Untermieterin bei der Familie Kramer in der Rappstraße 10 und nutzte dort zwei Zimmer. Ende Februar 1942 musste sie auf Anweisung der Gestapo von hier in ein sogenanntes „Judenhaus“ in der Dillstraße 15 umziehen. Solche Häuser dienten der Ausgrenzung und Kontrolle jüdischer Menschen und waren zugleich Teil der Vorbereitung der Deportationen.

Nachdem die Ausreise nicht mehr möglich war, begann Charlotte Brauer Ende 1940 eine Ausbildung zur Krankenschwester im Israelitischen Krankenhaus. Dieses hatte 1939 seinen bisherigen Standort in St. Pauli verlassen und war in einer Privatklinik in der Johnsallee untergebracht worden.

Nach dem Umzug nach Hamburg 1939 erhielt Georg Brauer eine Beschäftigung in der Jüdischen Werkschule in der Weidenstraße 10 bc. Dort leitete er die Ausbildung junger jüdischer Menschen im Schlosserhandwerk. Auch sein Sohn Günther begann dort eine Ausbildung. Die Nationalsozialisten duldeten solche Einrichtungen zunächst, weil sie hofften, die Jugendlichen würden später aus Deutschland auswandern. 

Im Oktober 1941 zog Charlotte aus der Wohnung ihrer Eltern in der Rappstraße 10 aus und wohnte zunächst in der Beneckestraße 6, einem Altersheim der jüdischen Gemeinde. Später lebte sie in der Johnsallee 54, wo auch Patient:innen des Israelitischen Krankenhauses untergebracht waren.

Deportation über die Schule Schanzenstraße nach Theresienstadt/Terezin

Am 19. Juli 1942 wurde die gesamte Familie nach Theresienstadt deportiert. Charlotte war die einzige aus ihrer Familie, die die nationalsozialistische Verfolgung überlebte. Von den am 15. und 19. Juli 1942 aus Hamburg Deportierten überlebten nur etwa 135 Menschen.

Von Theresienstadt nach Auschwitz

Im Oktober 1944 wurde Charlotte Brauer weiter in das Konzentrations- lager Auschwitz deportiert. Tausende Menschen wurden damals aus Theresienstadt in die Vernichtungslager verschleppt. Alte und kranke Menschen wurden oft direkt nach der Ankunft ermordet. Andere wurden zur Zwangsarbeit in die Außenlager deutscher Konzen- trationslager gebracht.

Ins KZ Außenlager Freiberg

Charlotte und ihre Mutter Bertha kamen in das Außenlager Freiberg des KZ Flossenbürg in Sachsen. Dort mussten über 1.000 jüdische Frauen und Mädchen Zwangsarbeit für die Rüstungsindustrie leisten. Sie produzierten unter anderem Teile für Flugzeuge und Zielvorrichtungen für Raketen. 

Am 14. April 1945 wurde das Lager geräumt. Die Frauen wurden in offenen Güterwagen tagelang durch das damalige „Protektorat Böhmen und Mähren“ in das Konzentrationslager Mauthausen transportiert. Viele starben bereits unterwegs. Auch nach der Befreiung des Lagers am 5. Mai 1945 starben noch zahlreiche Frauen an den Folgen von Hunger, Krankheit und Erschöpfung – darunter Charlotte Brauers Mutter Bertha.Charlotte Brauer überlebte. Sie wanderte später in die USA aus und starb am 10. März 1993 im Alter von 71 Jahren in Los Angeles.

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