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Holger Artus

Elf Stolpersteine in St. Georg

Diese Info hat viele Autoren*innen, einer davon bin ich. Trotzdem nehme ich ihn auf meine Web-Seite, weil es zum einen Aktivitäten abbildet, in denen ich mich in der Erinnerungsarbeit engagiere und ich den Aufschlag – etwas holprig – zum Text gemacht habe. Die Initiative zu den Steinen ging nicht von mir aus, aber die Info zu Sophie Hartmann im März 2023, die ich in St. Georg verteilt hatte, war der Anlass dafür. Insofern sage ich: Danke, Gudrun.

Am Sonnabend, 27. April 2024, werden um 11 Uhr  11 Stolpersteine in Stiftstraße auf Höhe des Friedenssteins verlegt. Stolpersteine auf Gehwegen erinnern in St. Georg, in ganz Hamburg, Deutschland und Europa an NS-Opfer. Alleine in Hamburg finden Sie mittlerweile über 7.000 Stolpersteine.  Wir wollen dieses Gedenken um elf weitere Steine für die Familie von Anna Hartmann und Erwin Brandt erweitern. Sie lebten mit ihren Kindern im Grützmachergang 33/34. Diese Straße, die damals parallel zwischen Brennerstraße und Rostocker Straße verlief, gibt es heute nicht mehr. Auf der Höhe des Friedenssteins in der Stiftstraße öffnet sich ein Hinterhof. Hier verlief der Grützmachergang bis zur Höhe der Danziger Straße.

Die Familie Hartmann/Brandt wurde in der NS-Zeit fast vollständig ausgelöscht, weil sie Sinti waren. Das Ziel der Nazis war – wie bei der jüdischen Bevölkerung –  deren vollständige Vernichtung. Anna und Erwin hatten neun Kinder, die in St. Georg aufwuchsen. Sie gingen fast alle in die katholische Schule Danziger Schule oder in die staatliche Schule Bülowstraße. Im März 1943 wurde fast die gesamte Familie nach Auschwitz deportiert. Einige Kinder waren bereits zuvor zwischen 1938 und 1942 im Untersuchungs- gefängnis festgehalten und von dort in die KZ Sachsenhausen und Ravensbrück verschleppt worden. Sophie Hartmann saß als 13-Jährige drei Monate im Untersuchungsgefängnis, dann in Konzentrationslagern. Nur zwei Kinder überlebten: Sophie und Margot. Alle anderen wurden ermordet.

Die Anzahl der ermordeten Sinti*zze und Rom*nja wird auf eine halbe Million geschätzt. Viele Schicksale sind unbekannt und werden es immer bleiben. Umso wichtiger ist es, an die Männer, Frauen und Kinder zu erinnern, die in unserer Nachbarschaft lebten, von denen wir wissen. Wir wollen den Verbrechen Namen geben.

In Zeiten, in denen offen und unverblümt über „Remigration“ gesprochen und Pläne geschmiedet werden, sind wir dringend umso dringlicher aufgefordert, Haltung zu zeigen gegen Ausgrenzung und Rassismus. Stolpersteine machen die Verbrechen – die Verfolgung, Vertreibung und Ermordung zahlreicher Juden und Jüdinnen, Sinti*zze und Rom*njar, Homosexueller und anderer ausgegrenzter Menschen während der Zeit der NS-Diktatur nicht ungeschehen. Das darf sich nicht wiederholen. Wir wollen verdeutlichen, wohin Rassismus und Ausgrenzung geführt haben. Empathie, Solidarität und genaues Hinschauen sind mehr denn je gefragt. 

Die Hartmanns/Brandts waren 1943 Nachbarn, die ausgegrenzt und isoliert wurden. Die systematische Hetze hatte Solidarität und Nächstenliebe verdrängt. Wir setzen mit diesen elf Stolpersteinen ein Zeichen!

Bewohner:innen und Einrichtungen, Parteien und Kirchen aus St. Georg

*die Patenschaften für die elf Stolpersteine wurden alle von St. Georger übernommen

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