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Holger Artus

Die Agathenstraße 1 war bis 1938 in jüdischen Besitz, dann kam ein „Arier“

Bei der Recherche und der Planung zum Herangehen an den gestohlenen Stolperstein vor dem Leinpfad 20 fand ich weitere Raubkäufe in Hamburg. Einer davon war ein Haus in unserer Wohnstraße, die Agathenstraße 1 betreffend. Darüber haben wir jetzt unsere Nachbarschaft in der Straße informiert.

Es ist über 83 Jahre her, da wurde Heinz Rappolt gezwungen, das Haus Agathenstraße 1 zu verkaufen.Das belegen jetzt neu entdeckte Unterlagen. Er war Jude und durfte unter den Nazis über kein Eigentum verfügen. Am 14. November 1938 informierte die Bauverwaltung der Stadt Hamburg die Devisenstelle, dass ein gewisser Dr. Günther Buch das Haus Agathenstraße 1 für 48.000 RM von Heinz Rappolt “gekauft” habe. Die Oberfinanzdirektion Hamburg schreibt im Anschluss von einem „entjudeten“ Haus.

Heinz Rappolt war an dem Unternehmen Rappolt & Sohn in der Mönckebergstraße 11 beteiligt.  Er selber wohnte selber in einem Haus in der Gellertstraße 6, das aber ebenfalls 1938 “arisiert” wurde. Das Unternehmen Rappolt & Sohn betrieb in der Mönckebergstraße ein Herren-Bekleidungsgeschäft. Zu den damaligen Raubkäufern des Grundstücks in der Mönckebergstraße 11 gehörten u.a. auch noch heute bestehende Immobilien-Unternehmen, Arnold Hertz und die Hamburger Privatbankiers Münchmeyer. Der Jurist Dr. Günther Buch vertrat zuerst das Unternehmen Rappolt & Sohn im Rahmen der „Arisierung“, beteiligte sich aber auch am Raubkauf der Agathenstraße 1. Er kaufte es für 48.000 Reichsmark. Eine Wertermittlung der Immobilien fand unter den Nazis nicht mehr statt. In der Vermögensaufstellung für Heinz Rappolt aus 1938 steht, dass das Haus einen Wert von “geschätzt” 52.000 RM habe.

Heinz Rappolt, der am 1. November 1903 geboren wurde, konnte 1939 noch nach England fliehen und lebte dort später unter dem Namen Harvey Randall. Faktisch aber ohne jedes Vermögen, da alle Erlöse aus der erzwungenen “Arisierung” beschlagnahmt waren (“Sicherheitsanordnung”) und ein Zugriff auf das Konto nur mit Zustimmung der Nazis möglich war. Diese bewilligten jedoch nur Steuerzahlungen oder andere Sachkosten anderer(anderer? Was ist gemeint?). Nach der Flucht von Heinz Rappolt vereinnahmte die Stadt Hamburg das Guthaben für sich, wie bei allen anderen jüdischen Menschen, die fliehen konnten. 

Andere Familienmitglieder der Rappolts konnten nicht mehr fliehen. Es gehört zu der Tragik der NS-Zeit, dass sein Bruder, Franz Rappolt,  am 15. Juli 1942 über die Schule Schanzenstraße nach Theresienstadt deportiert wurde und nicht überlebte. Der Deportationsbefehl hatte ihn im sogenannten Judenhaus in der Benneckestraße 6 im Grindelviertel erreicht, in das er ziehen musste. Franz Rappoltlebte davor im Leinpfad 58, wo heute ein Stolperstein für ihn liegt. Das “Rappolt-Haus” in der Mönckebergstraße können Sie noch heute finden, es liegt zwischen der St. Jakobi-Kirche und der Mönckebergstraße. Davor erinnert ebenfalls ein Stolperstein an ihn.

Dr. Günther Buch verkaufte 1960 das Haus in der Agathenstraße 1. Er gründete 1965 die “Johanna und Fritz Buch Gedächtnis-Stiftung”, da er selber keine Erben hatte. Der „Georg Buch-Preis“ in Höhe von 20.000 € wird alle zwei Jahre vergeben. Hamburgs Ballett-Intendant John Neumeier und sein Ehemann, der Mediziner Hermann Reichenspurner, wurden kürzlich mit dem Dr. Günther Buch-Preis geehrt.

Nach dem Haus  Agathenstraße 3, dem ehemaligen jüdischen Jonas-Nanny-Stift, ist es das zweite Haus unserer Straße, das in der NS-Zeit “arisiert” wurde. “Arisierung” bedeutet, dass die jüdischen Eigentümer gezwungen wurden, ihr Vermögen und Eigentümer an “Arier” zu verkaufen. Der eher passende Begriff ist u.E. Raubkauf.  Die Agathenstraße 3 war ein jüdisches Stift und die Nazis machten daraus ein so genanntes Judenhaus. Da jüdische Menschen seit 1939 kein Wohnrecht mehr hatten, wurden sie aus ihrem Eigentum oder ihren Mietwohnungen vertrieben. Sie wurden in die “Judenhäuser” eingewiesen. Es sind derzeit über 70 Menschen namentlich bekannt, die in den acht Wohnungen des Hauses Agathenstraße 3 bis zu ihrer Deportation am 15. Juli 1942 leben mussten. Danach kaufte die Stadt Hamburg das Haus von der Reichsvereinigung der Juden.

Die Nazis haben seit April 1938 systematisch die Vertreibung der jüdischen Menschen betrieben. Jüdisches Eigentum wurde erfasst und dessen Zwangsveräußerung organisiert. Das galt auch für Hypotheken. Es gibt diese “Arisierungen” auch bei anderen Häusern bei uns im Viertel. So in der Weidenallee 6. Die Methoden der Raubkäufe waren dabei unterschiedlich, aber die Verwaltung ihres Besitzes wurde über eine eigens dafür gegründete Immobiliengesellschaft der Stadt verwaltet. Bei uns im Viertel gibt es das Beispiel von Ivan Andrade in der Bellealliancestraße 66, dessen Geschäft während der November-Pogrome 1938 zertrümmert wurde. Er wurde  festgenommen und im KZ Sachsenhausen monatelang inhaftiert. In seiner Abwesenheit wurde seine mittellose Familie genötigt, an einen “Arier” zu verkaufen. Er musste im KZ den Kaufvertrag unterzeichnen. In der Agathenstraße 7 wurde das Geschäft von Heimann Freundlich “arisiert”. 

Nachbarschafts-Info vom 3. Dezember 2021

Wie kann mit der Vergangenheit umgegangen werden? Als wir im Juli 2019 an die Deportation über die Schule Schanzenstraße erinnern wollten, wussten wir noch wenig über die NS-Geschichte in unserem Viertel und hatten keine Vorstellungen, was an Informationen verloren gegangen oder nicht bekannt war. Wenn man sich auf die NS-Zeit bezieht, geht es oft um eine moralische Haltung und Bewertung. Wir leben heute und engagieren uns bei weitem nicht mit dem rückwärtigen Blick. Wir wollen aber über unsere zufälligen Funde informieren und erzählen. Was vergangen ist, bleibt dennoch ein Teil von uns, und es ist gut zu wissen, welche Geschichte uns alle, konkret auch in unserem Viertel, prägt. 

Auf der vor kurzem stattgefundenen Kundgebung anlässlich der November-Pogrome am Bahnhof Sternschanze sprach u.a. der Rabbiner Kevin Hale aus den USA. Sein Vater, Kenneth Hale, war bis 1939 Lehrling in der jüdischen Werkschule in der Weidenallee 10 bc und konnte fliehen, damals noch unter seinem deutschen Namen Klaus Heilbut. In seiner Rede nahm Kevin Hale u.a. auf seinen Vater Bezug, der 2021 mit 99 Jahren verstorben war. „Seine Botschaft war, dass die jüngere Generation nicht für die Verbrechen ihrer Eltern verantwortlich sind: Seid wachsam, aber seid auch freundlich zueinander.“

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