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Holger Artus

Rückblick 2025

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Seit einigen Jahren blicke ich auf meine Aktivitäten im ablaufenden Kalenderjahr zurück. Es geht mir darum, gewissermaßen Rechenschaft abzulegen. Am Ende mache ich das natürlich für mich selber. Aber es entspricht meiner bisherigen Praxis und Haltung in meiner beruflichen Arbeit.

Mit der Kundgebung am 8. Dezember 2025 im Schanzenviertel zur Erinnerung an die Deportation vom 6. Dezember 1941 nach Riga sind meine für dieses Jahr geplanten Aktivitäten abgeschossen. 

Bisher keine Planung zu Arbeitsvorhaben 2026

Im Unterschied zu den vergangenen Jahren bin ich aktuell noch nicht am konkreten planen, was ich 2026 angehen werde. Ich bin mir noch nicht sicher, wie ich mich in diesem Feld insgesamt engagiere. Einige Eckpunkte wie die Erinnerung an die Deportation über die Schule Schanzenstraße im Juli 1942 oder eine Stolpersteinverlegung im April 2026 in Westhofen stehen fest. Ich hoffe, dass ich vorher eine Aktivität zum Israelitischen Krankenhaus in der Schäferkampsallee 29 hinbekomme. Gerne würde ich eine Ausstellung im Gedenk.Ort Stadthaus Ende 2026 umsetzen. Wie es im Thema der NS-Zwangsarbeit weitergeht, weiß ich noch nicht. In bestimmten Felder werde ich mich nicht mit Eigenaktivitäten einbringen. Die Erfahrungen 2025 verweisen auf ein für mich schwieriges Entwicklungsumfeld.

Festhalten am „klein-klein

Meinem nachbarschaftlichen Ansatz bin ich treu geblieben. Es geht mir darum, die Menschen in den Straßenzügen anzusprechen, in den einst Verfolgte des NS-Regime lebten. Mir erscheint diese Übersetzung von Erinnerungsarbeit eine richtige Methode zu sein. Politisch wirksam im Sinne von Formierung von engagierten Kräften ist es nicht, dass kann alleine strukturell nicht funktionieren. Hier gibt es etablierte Rahmenbedingungen, die sind wie sie sind. Ich habe kein Interesse, mit ihnen ernsthaft in Berührung zu kommen, weil von ihnen keine ernsthaft erkennbare Strategie entwickelt wird. Ich bin als Person aktiv und stehe nur für mich. 

Dieses Jahr habe ich 40 Nachbarschaftsbriefe zu verschiedenen Anlässen in einer Auflagen von 2.800 Exemplaren in Hamburger Briefkästen gezielt verteilt.

Über die Jahre hat es sich ergeben, dass ich selber zu Personen recherchiere und daraus eine Info erstelle. Ich bin mir den Risiken bewusst. Einmal, weil ich mich festgelegt habe, im Zusammenhang mit einer Aktivität zu einer Person etwas zu verteilen. Zum anderen, da ich eine Erzählung schnell im Kopf klar habe. Die Gefahr besteht, das ich festgelegt bin und die Quellen nicht voll erfasse.  

Es gehört zu meinen Erfahrungen, dass ich nicht nur freundliche Rückmeldungen bekomme, sondern auch zu Recht gewiesen werde, weil ich etwas geschrieben habe, dass Fehler enthält oder falsch sein sollte. Die Welt ist nicht leichter geworden und der Hang, einen pauschal zu verdammen, eher groß. Ich entschuldige mich ernsthaft bei den Kritikern und nehme den Beitrag von einfach von der Seite. Eine Debatte bei pauschalierter Kritik erscheint mir erfahrungstechnisch sinnlos, es steigert nur die Bereitschaft, noch gröber zu werden. Es schmerzt, weil es keine rechten Kräfte sind. Es ist aber bei Kritik auch nicht die Regel, üblich sind ergänzende Erzählungen, die ich neu verbreite und es entsteht ein toller Kontakt.

Web-Aktivität wie im Vorjahr

Meine Web-Aktivitäten/Zugriffe bewegen sich auf dem Niveau des Vorjahr, leicht darüber. Im Kern sind es die drei Webseiten www.sternschanze1942.de, iminhamburg.com und meinen blog.holgerartus.eu, auf die ich fast alle Texte der anderen Seiten früher oder später auch stelle. Ich habe 90 Webtexte dieses Jahr online gestellt. Die weiteren zur Sternwoll-Spinnerei, der NS-Geschichte der Bauer Media Group, der NS-Geschichte von AUG. PRIEN, zur Frauenklink des AK Altona und andere Seiten leisten einen kleinen Beitrag. Die verschiedenen Seiten zur Bauer Media Group kommen dabei auf über 1.000 Besuche.

Roma und Sinti

Die Erinnerung an die Verfolgung und Ermordung der Roma und Sinti ist mir – wie bereits 2023/2024 – erneut ein wichtiges Anliegen gewesen. Ausgangspunkt war Laura Rosenberg, die in der NS-Zeit in unserem Viertel lebte. Ich wollte noch etwas zu ihrem Bruder Willi machen, der in Hadamar ermordet wurde. Zum Zeitpunkt seiner willkürlichen Verhaftung lebte die Familie in der Hamburger Neustadt. Vor dem Eingang des damaligen Hinterhofs fand im März 2025 eine Kundgebung statt.

Durch Zufall kam ich in Kontakt mit Louis Pawellek und der Sintizza Agnes Geisler. Ihre Familie lebte bis zur Deportation im Hellkamp in Hamburg-Eimsbüttel, die Kinder gingen dort zur Schule. Louis hatte ihre Erzählungen aufgeschrieben und präsentierte sie Anfang April 2025 in der heutigen Ganztagsgrundschule Schwenckestraße.

Bei den Kundgebungen, die ich organisiere, lade ich grundsätzlich auch die Verbände ein und frage nach Redebeiträgen. So etwa zur Verlegung der Stolperschwelle am 12. April 2025 in der Spaldingstraße sowie zur Erinnerungstafel vor der Stadtreinigung am Bullerdeich am 8. September 2025. Ich sehe weitere Potenziale und eine Verantwortung, die NS-Verbrechen an Roma und Sinti stärker zu thematisieren und Zugänge in der Nachbarschaft zu erschließen. Den Anspruch auf Beteiligung der Verbände teile ich vollständig und berücksichtige ihn. Ohne sie wird es nicht gehen.

Die Stolperstein-Verlegung für Harald Mirosch in Kaltenkirchen am 8. Februar 2025 nahm ich zum Anlass, am damaligen Wohnort der Familie in der Idastraße in Hamburg – bis zur Deportation im März 1943 – eine Information an der S-Bahn-Station Hammerbrook zu verteilen. Der heutige Ausgang befand sich früher auf Höhe der Idastraße. Zudem habe ich die Informationen an Unternehmen gemailt, deren heutiger Firmensitz sich in der Idastraße befindet.

KZ-Außenlager Neuengamme

Durch verschiedene Erinnerungsprojekte bin ich immer wieder mit den Außenlagern des KZ Neuengamme konfrontiert, sei es das Außenlager Sasel, das Lagerhaus G, das Lager in der Spaldingstraße oder die Schule am Bullenhuser Damm. Beim Lagerhaus G gab es unterschiedliche Anlässe und Ansätze. Ursprünglich wollte ich diese zusammenführen, bis ich selbst Gegenstand einer Verschwörungserzählung wurde. Damit war jeder Ansatz zerstört, und für mich blieb nur der Rückzug. Sofern ich bei meinen Projekten auf Menschen oder Erzählungen stoße, bemühe ich mich, sie aufzugreifen – mit Ausnahme des Lagerhauses G.

Am 12. April 2025 wurde eine Stolperschwelle am Standort des Außenlagers in der Spaldingstraße verlegt.

Daran konnte ich nicht teilnehmen, da zeitgleich in Groningen ein Stolperstein für einen der ehemaligen Insassen, Johannes Geubels, verlegt wurde.

Zum Außenlager in der Schule am Bullenhuser Damm habe ich einen Web-Beitrag zur Entstehung des Aufräumungsamtes verfasst und dargestellt, wie dieses an der Einrichtung des Außenlagers beteiligt war. Zudem konnte ich Fragen zum vorausgegangenen Zwangsarbeiterlager in der Schule sowie zur Unterbringung von Italienern klären – es handelte sich dabei nicht um IMI. Sowohl die Entstehung des Aufräumungsamtes als auch das Lager vor der Nutzung als KZ-Außenlager sind bislang kaum erzählte, eigenständige Geschichten.

Im Zusammenhang damit habe ich den Einsatz von IMI und anderen NS-Zwangsarbeitern bei Reedern nachvollzogen, dies jedoch noch nicht publiziert. Auch Recherchen zu Sinti und Roma im KZ Neuengamme hatte ich begonnen. Da es sich um ein sensibles Thema handelt, habe ich meine Mitarbeit angeboten, jedoch ohne nennenswerte Resonanz. Allein werde ich diese Erzählungen nicht entwickeln, und ich habe auch kein Interesse daran, für mein Engagement „gefaltet“ zu werden.

Zu Julius Ehling, einem Beschäftigten des Rüstungsunternehmens Dolmar (heute Makita), hatte ich am damaligen Unternehmensstandort eine Information verbreitet und das Unternehmen angeschrieben. Ehling wurde vom damaligen Betriebsleiter denunziert und in das KZ Dachau verschleppt, wo er ums Leben kam.

Bereits bei der Erinnerung an die NS-Zwangsarbeiter bei der Stadtreinigung habe ich mehrere Opfergruppen thematisiert und entsprechende Aktivitäten initiiert. Dennoch gibt es auch hier Kritik, die implizit davon ausgeht, dass NS-Zwangsarbeit ausschließlich im Zusammenhang mit KZ-Häftlingen anerkannt werden dürfe. Ich vermute, dass dahinter eine weitere problematische „Differenzierung“ dessen steht, was als „eigentliche“ NS-Zwangsarbeit gilt.

Italienische Militärinternierte in Hamburg – NS-Zwangsarbeiter

Seit einigen Jahren begleite ich verschiedene Aktivitäten zur Erinnerung an die italienischen Militärinternierten (IMI), die seit September 1943 als Zwangsarbeiter in Hamburger Unternehmen eingesetzt wurden. Der 8. September hat sich dabei als zentraler Aktionstag etabliert.

Im Rahmen einer Kundgebung in diesem Jahr wurde an die IMI sowie an andere NS-Zwangsarbeiter bei der Stadtreinigung am 8. September 2025 erinnert und der Öffentlichkeit eine Gedenktafel am Bullerdeich übergeben. Am 6. September 2025 wurde zudem am Sportplatz an der Max-Brauer-Allee eine Erinnerungstafel angebracht; damit konnte das 2024 gestartete Projekt abgeschlossen werden. An beiden Kundgebungen nahmen insgesamt rund 100 Personen teil – deutlich mehr als erwartet.

Unbefriedigend bleibt die Aufarbeitung des Themas der Kriegsgefangenen-Bau- und Arbeitsbataillone (BAB) der IMI in Hamburg. Recherche und Darstellung sind äußerst aufwendig und müssten faktisch von mir allein geleistet werden. Zwar gäbe es potenzielle Verbündete, doch meine bisherigen Erfahrungen lassen mich nicht darauf vertrauen, dass ich mich auf sie verlassen kann.

Ein weiteres Projekt zu den IMI im Volksparkstadion konnte bislang nicht umgesetzt werden. Zudem war ich mit der inhaltlichen Ausrichtung der geplanten Aktivitäten nicht einverstanden und habe mich verärgert aus der gemeinsamen Planung zurückgezogen. Stattdessen habe ich eine eigene Aktion durchgeführt. Auch mit dem Einsatz von IMI beim damaligen Rüstungsunternehmen der Hans-Still-Motorenwerke habe ich mich beschäftigt, bislang jedoch ohne Erfolg beim Versuch, Kontakt zum heutigen Unternehmen aufzunehmen.

Die Debatten in der Zivilgesellschaft über diese Opfergruppe nehmen derzeit wieder an Fahrt auf. Im Kern steht der Vorwurf, es habe sich bei den IMI um Soldaten des faschistischen Italiens gehandelt hätte, die für Massenverbrechen in den von ihnen besetzten Ländern verantwortlich gewesen seien. Auch von institutionellen Akteuren in diesem Bereich wird teils ähnlich argumentiert. Für mich ist diese Haltung äußerst frustrierend.

Über meine Stolperstein-Aktivitäten

Stolpersteine sind eine besondere Form der Erinnerungsarbeit. In der Studie „Gedenk-Anstoß“ 2025 werden sie als zweithäufigste Form von Aufarbeitungsprojekten genannt (13,4 %, nach Gedenkstätten und Gedenkorten 40,3 %). An der grundsätzlichen Herausforderung ändert dies jedoch wenig: Erinnerungsarbeit verliert an gesellschaftlicher Bedeutung. Die Erzählungen rechter Akteure, man müsse einen „Schlussstrich“ ziehen und wieder zu einem „Nationalstolz“ zurückfinden, hinterlassen Wirkung. Auch die geschichtsrevisionistische Neudeutung von Erinnerungspolitik durch die Bundesregierung trägt dazu bei, dass diese Tendenzen weiter an Einfluss gewinnen. Aktuell beklagte etwa der Vorstandsvorsitzende von Axel Springer in einem WELT-Beitrag vom 12. Dezember 2025 unter dem Titel „Deutschlands Leiden“ ein angebliches „nationalsozialistisches Trauma“.

Abschließen konnte ich 2025 eine Aktivität, die ihren Ausgangspunkt 2023 im Zusammenhang mit dem Lagerhaus G hatte. Die damalige Aktion war vollständig gescheitert. Doch mein Versuch, mich mit Haltung aus dieser Situation zu lösen, ging letztlich auf. Am 12. Februar 2025 wurde für Johannes Geubels unter Beteiligung seiner Kinder ein Stolperstein vor der Vinkenstraat in Groningen verlegt. Mit rund 70 Teilnehmenden wurde meine Erwartung deutlich übertroffen. Einige Tage zuvor war ich nach Groningen gereist, hatte in der Nachbarschaft zur Verlegung eingeladen und Kontakte zu Stadt und Politik aufgebaut. Dank Janwillem Compaijen von der Gewerkschaft FNV, der vor Ort organisierte und für Öffentlichkeit sorgte, wurde die Verlegung zugleich zu einer politischen Manifestation. Die Anwesenheit der Familie Geubels war ein besonders bewegender Moment.

Gemessen an der Beteiligung bei Stolperstein-Verlegungen bin ich insgesamt sehr zufrieden. Da jede Verlegung zugleich eine konkrete Nachbarschaft erreicht, ist die Zahl der Menschen, die Anteil an der Erinnerung an NS-Opfer nehmen, insgesamt hoch. Zur Stolperschwellen-Verlegung am 12. April 2025 vor der Spaldingstraße 162 kamen rund 50 Personen, am selben Tag waren es 70 in Groningen. An der Stolperstein-Verlegung vor der Tornquiststraße 44 nahmen über 60 Menschen teil.

Schwieriger geworden ist jedoch die Gewinnung von Patenschaften. So habe ich in diesem Jahr Informationen zu NS-Opfern verteilt, ohne Resonanz zu erhalten (Jacobsohn, Leser, Gottschalk). Dem steht gegenüber, dass 2025 in Hamburg vermutlich rund 300 Stolpersteine verlegt wurden. Insgesamt liegen hier inzwischen 7.376 Stolpersteine.

Deportationen 1941/1945

Wie in den vergangenen Jahren fand auch 2025 am 15. Juli eine Kundgebung vor der Ganztagsgrundschule Sternschanze statt. Anders als zuvor lag die Trägerschaft diesmal bei der Schule selbst. Es war beeindruckend zu sehen, wie intensiv sich ein Schulprojekt mit den NS-Opfern auseinandersetzte. Ich habe im Viertel plakatiert und zur Unterstützung der Kundgebung aufgerufen. Mit rund 70 Teilnehmenden war es erneut eine würdevolle Form des Gedenkens.

Am 8. Dezember 2025 erinnerten wir an die Deportationen aus dem Schanzenviertel am 6. Dezember 1941 nach Riga. Mit 69 Teilnehmenden war auch dies eine sichtbare Kundgebung im Stadtteil gegen das Vergessen. Dass einer der damals Verschleppten, Fred Leser, heute noch in unserem Viertel lebt und ich mit ihm sprechen konnte, war für mich ein besonders bewegender Kontakt.

Geschichtliches zur Hamburger Morgenpost

Auf meinem Blog habe ich mich anlassbezogen mit dem Einstieg des amerikanischen Finanzinvestors und des britischen Verlegers David Montgomery in den deutschen Zeitungsmarkt im Jahr 2009 beschäftigt. Dabei ließ ich mittels KI Betriebsratsprotokolle und interne Informationen auswerten. Zwar bestätigten die Ergebnisse vielfach meine eigene Einschätzung, strukturell spiegelten sie jedoch das damalige Vorgehen in den Dokumenten aus meiner Sicht sehr treffend wider. Ich werde mich auch künftig anlassbezogen weiter mit der MOPO beschäftigen.

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