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Holger Artus

Einladung zur Stolperstein-Verlegung in der Tornquiststraße

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Am 17. November 2025 werden zwei Stolpersteine für Elna und Tana Köhler vor der Tornquiststraße 44 verlegt. Mit einer Info habe ich jetzt die Nachbarschaft in der Straße informiert und eingeladen.

Ich bin mir natürlich bewusst, dass nicht 200 Menschen kommen, gemessen an der „Auflage“ der Nachbarschafts-Info. Es wird ein kleiner Kreis werden, aber bei den Gesprächen an den Haustüren bin ich zufrieden über die Aufgeschlossenheit. Die Infos dürften gut wahrgenommen werden, so meine Annahme. Hier der Text, den ich mit anderen bearbeitet habe.

Liebe Nachbar*innen aus der Tornquiststraße,

Am Montag, den 17. November 2025 werden zwei Stolpersteine für Elna und Tana Köhler vor der Tornquiststraße 44 verlegt. Wir würden uns freuen, wenn wir uns an diesem Tag um 17  Uhr vor der Tornquiststraße 44 treffen könnten, um an die beiden Menschen gemeinsam zu erinnern.

Mit diesem Schreiben möchten wir Sie informieren, wer die beiden waren. Wir möchten auch unser Wissen mit Ihnen darüber teilen, was mit anderen Menschen geschehen ist, die früher mit dieser Straße verbunden waren und Opfer des NS-Regimes wurden.

Wer waren Elna und Tana Köhler?

Elna und Tana Köhler wurden am 19. Juli 1942 nach Theresienstadt (Terezín) bei Prag deportiert. Sie lebten zu diesem Zeitpunkt in einem „Judenhaus“ im Hamburger Münzviertel hinter dem Hauptbahnhof. Elna Köhler starb am 2. März 1944 in Theresienstadt, ihre Tochter Tana am 2. Februar 1943 im Säuglingsheim des Ghettos. Sie wurde nur elf Monate alt.

Was ist über die Geschichte der Beiden bekannt?

Elna Köhler (geb. Jacobsohn) wurde am 12. Mai 1912 in Kopenhagen geboren und lebte seit den 1920er Jahren mit ihrem Vater in Hamburg. Sie besuchte die Israelitische Töchterschule und arbeitete anschließend als Hausangestellte. Am 12. Mai 1933 heiratete sie den Autoschlosser Walter Köhler. Seit April 1940 lebte sie mit ihrem Mann und zwei Kindern, Ilse (geb. 1934) und Ursula (geb. 1936), im Souterrain der Tornquiststraße 44. Was aus Ilse und Ursula wurde, ist nicht vollständig dokumentiert, es gibt jedoch Hinweise, dass sie überlebten und in den 1950er Jahren wieder in Hamburg waren. Die dritte Tochter, Tana, wurde am 14. Februar 1941 geboren. Am 19. Juli 1942 wurden Elna und Tana vom Hannoverschen Bahnhof aus nach Theresienstadt deportiert. Elna Köhlers Vater, John Jacobsohn, wurde bereits am 15. Juli 1942 dorthin verschleppt und starb am 27. Juli 1943.

Raubkäufe jüdischen Eigentums in der Tornquiststraße

Ab 1938/39 wurden Jüdinnen und Juden systematisch vom NS-Regime enteignet. Ziel war es, sie aus Deutschland zu vertreiben. Ab April 1938 mussten sie ihre Immobilien und Unternehmen verkaufen. Die Stadt ließ sich ins Grundbuch eintragen. Makler übernahmen die Abwicklung. Die Häuser wurden weit unter Wert weiterverkauft. Über den Verkaufserlös konnten die enteigneten Eigentümer*innen nicht verfügen – am Ende kassierte der Staat fast alles. Diese Form der Enteignung wird heute als „Raubkauf“ bezeichnet. Dies betraf auch Immobilieneigentümer*innen und infolgedessen auch Bewohner*innen die Häuser in der Tornquiststraße. Von einigen können wir nach unseren Recherchen berichten.

Dr. Lesser Conitzer, Tornquiststraße 9

1908 erwarb der Arzt Dr. Lesser (genannt Lothar) Conitzer das Haus in der Tornquiststraße 9. Es war dreistöckig und hatte einen Garten, der sich hinter den Häusern Tornquiststraße 1 bis 9 erstreckte. Mit dem Kauf verlegte Conitzer seine Praxis aus dem Eppendorfer Weg ins Erdgeschoss und den ersten Stock der „Torni“. Darüber wohnten Lesser (geb. 1865) und Rika Conitzer (geb. 1877) mit ihren Kindern Ludwig (geb. 1901), Margarethe (geb. 1902) und Manfred (geb. 1904). Das Haus stünde heute direkt auf dem Doormannsweg, der erst in den 1960er Jahren in seiner jetzigen Form entstand. Weil er Jude war, musste Conitzer die Tornquiststraße 9 an Heinrich Capell verkaufen, der dafür 28.000 Reichsmark (RM) bezahlte. 

Da das Eigentum und Vermögen der Conitzers vorher von der Stadt beschlagnahmt worden war, konnten sie darüber nicht verfügen. Dr. Conitzer durfte seit 1938 seinen Beruf nicht mehr ausüben und seinen Doktortitel nicht mehr führen. Das Ehepaar floh im Mai 1939 nach Südafrika, wo ihr Sohn Manfred seit 1934 lebte. Für die Emigration mussten sie an den Hamburger Staat 47.000 RM „Reichsfluchtsteuer“ und 57.000 RM „Judenvermögensabgabe“ zahlen. Ohne finanzielle Mittel reisten sie ab, da sie über ihr Konto nicht mehr verfügen konnten. Das Guthaben verfiel später an die Stadt. 

Gerhard Braun und Margarethe Mühle, Tornquiststraße 13

Dem Richter Gerhard Braun (geb. 1893) und seiner Schwester Margarethe Mühle gehörte das Haus in der Tornquiststraße 13. Braun war Amtsgerichtsdirektor und wurde zum 31. Dezember 1935 entlassen, da die Nazis keine jüdischen Richter duldeten. 1938 wurden die Geschwister gezwungen, das Haus für 15.000 RM an Margarethe Winkelmann, geb. Heyenn, zu verkaufen. Der Erlös wurde vom NS-Staat vereinnahmt. Gerhard Braun lebte bis zu seiner Emigration 1939 mit seiner Partnerin, Hedwig Wöllke (geb. 1897) und ihren Kindern in der Bundesstraße 82. Die Familie floh nach Batavi, dem heutigen Indonesien (damals Niederländisch-Indien).

Tornquiststraße 21, 25, 27, 34, 39, 49, 51 und 55 – Auflösung von Hypotheken

Zur Ausgrenzung, Verfolgung und Vertreibung jüdischer Menschen aus Deutschland gehörte neben dem Raub von persönlichem Eigentum wie Immobilien auch die Kündigung von Hypotheken. Die Häuser in der Tornquiststraße 21, 25, 27, 34, 39, 49, 51 und 55 waren auf diese Weise finanziert, sprich jüdische Stiftungen hatten hier Hypotheken eingebracht und finanzierten über die Erlöse (Rente) ihre Stiftungsarbeit. Es waren viele kleine Hypthoken.

Zwangsarbeit in der Schule Tornquiststraße 19 und bei der Firma Höpner, Tornquiststraße 77

Etwa eine halbe Million Menschen wurden zwischen 1939 und 1945 nach Hamburg verschleppt und hier zur Arbeit gezwungen. In der Schule Tornquiststraße 19, zwischen Rautenberg-Stift und Hamburg- Haus, bestand bis 1942 ein Lager für ca. 140 Kriegsgefangene.

In der Tornquiststraße 77, gegenüber der heutigen Schule, hatte das Bauunternehmen Heinrich Höpner seinen Sitz. Seit Oktober 1943 setzte es „Italienische Militärinternierte“ zur Zwangsarbeit ein.

Das Wissen um die Geschichte dieser Menschen aus der Tornquiststraße lässt uns Anteil nehmen. Wir möchten mit dieser Stolperstein-Verlegung an sie erinnern und ein Zeichen setzen, damit sich so etwas nicht wieder ereignet. Fühlen Sie sich in dem Sinne als Nachbarschaft herzlich eingeladen!

Initiative “Kein Vergessen im Weidenviertel” in Kooperation mit der Geschichtswerkstatt Eimsbüttel –Geschichtswerkstatt Eimsbüttel und Galerie Morgenland , Sillemstraße 79, 20257 Hamburg

Quellen: Staatsarchiv Hamburg, 351-11_963, 213-11_62024, 351-14_1331, 314-15 F 206, 314-15 R 1939/2199, 314-15 St Ic 1339, 314-15 St Ic 1166, 314-15 St Ic 1370, 314-15 St Ic 1334, 314-15 St Ic  1221, 314-15 St Ic  61, 314-15 St Ic 62, 314-15 St Ic 1209, 321-2_ B 775 /

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