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Holger Artus

Wie sich die Nachbarschaft am plündern jüdischen Eigentums beteiligte

Fassungslos lass ich die Wiedergutmachungsakte von Berthie Philipp nach 1945: Sie schilderte in den 1950er Jahren dem Amt für Wiedergutmachung, wie sie 1942 durch ihre Nachbarn ausgeplündert wurde. Die Behörde wollte sie dafür nicht entschädigen.

Im April 1942 hatte sie den Befehl zur Räumung ihrer Wohnung im Saling 9 bekommen und musste in die Bundesstraße 43 ziehen. Von hier wurde sie am 14. Juli 1942 deportiert, hatte aber überlebt. Jetzt habe ich den heutigen Mieter:innen im Saling über Berthie Philipp und diesen Eigentumsraub eine Info in die Briefkästen gesteckt.

Berthie Philipp war eine ehemalige Nachbarin von Ihnen: Sie wohnte von 1937 bis April 1942 im Saling 9, IV. Stock. Das Stadtteilarchiv Hamm verwahrte ein Bild, das einen Eindruck der imposanten Gebäude an der Ecke vermittelt. Das Haus im Saling 9 gehörte damals Otto Friedeberg, Getreide-Importeur mit Geschäftssitz im Alten Wall in der Hamburger Innenstadt.

Um was geht es?

Berthie Philipp, wurde am 12. Dezember 1881 als Berthie Sophar in Hamburg geboren. Vor 80 Jahren, am 19. Juli 1942, wurde sie über die Bundesstraße 43 in Eimsbüttel ins Getto nach Theresienstadt/Terezin in der CSR deportiert. Mit dem Grenzübertritt verlor ihr die deutsche Staatsbürgerschaft. Ihr restliches Vermögen wurde ihr genommen und vor Ort auch noch das wenige, was sie hatte mitnehmen dürfen. 

Nach dem Tod ihres Mannes Rudolph 1936 war sie von der Isestraße 52 in den Saling 9 gezogen. Er war Jude, sie evangelischer Konfession, aber nach den Nürnberger Rassegesetzen von 1935 wurde sie als Jüdin angesehen. Fünf Jahre, bis zum 8. April 1942 konnten sie im Saling 9 wohnen, dann zwang sie die Gestapo, binnen 48 Stunden ihre Wohnung zu räumen. Den jüdischen Menschen war seit 1939 das Wohnrecht genommen worden, so dass die Gestapo sie einfach vertreiben konnte. Sie selbst nutzte in der Bundesstraße –  von wo aus sie dann deportiert wurde, 2 ½ Zimmer, die anderen hatte sie untervermietet. Bei einer Hausdurchsuchung erklärten die Gestapo-Beamten, “dass nur jüdische Mieter bei mir wohnen dürften, oder solche, die genau über meine Zugehörigkeit zum Reich Bescheid wussten.”

Die Anordnung, die Wohnung binnen 48 Stunden zu räumen, damit die Gestapo sie versiegeln konnte, “brachte fast die Katastrophe mit sich.”, schildert sie 1951 in ihren Erinnerungen. “Wollte ich Ihnen die damaligen Vorgänge bei dem Verkauf meiner Sachen schildern, so könnte ich ganze Seiten damit füllen. Die Leute rissen sich die Sachen aus den Händen, drückten mir etwas Geld in die die Hand und verschwanden. Auch Diebstähle waren unvermeidlich…. Zum Schluß wurde der Rest zur Versteigerung abgeholt.” Sie löste ihr Sparbuch auf. Anfang Juni 1942 hob sie noch 500 RM ab. Zusammen mit dem “Erlös” aus der Enteignung ihres Mobiliars hatte sie am Tag der Deportation noch 900 RM bei sich. Die wurden ihr in der Sammelstelle in der Schule Schanzenstraße abgenommen. “Die Beamten saßen an langen Tischen und wir wurden aufgefordert, einzeln an diese heranzutreten. Darauf wurden wir noch eindringlich darauf hingewiesen, dass niemand Schmuck, Wertsachen oder Geld mit sich führen dürfe. Ein Verschweigen könne eine strenge Bestrafung unter Umständen eine Todesstrafe … Ich musste meine Brieftasche herausgeben.” In der Verfügung wurden von der “Verwertung des eingezogenen Vermögens von Reichsfeinden … zugunsten des Deutschen Reichs” gesprochen.

Trotz des Erlebten durch den NS-Staat bis zur Deportation, das elende und gefährliche Leben in Theresienstadt, die Enteignung – sie kam nach Kriegsende in ihre Geburtsstadt zurück und lebte hier bis zu ihrem Tode am 15. Oktober 1960.

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