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Holger Artus

Über die Familie Spitzkopf aus der Vereinsstraße 7

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Um nachharschaftsnah für eine Kundgebung am 15. Juli 2020 vor dem Bahnhof Sternschanze zu werben, habe ich eine Reihe von Infos geschrieben, die jeweils nur um die Adresse eines NS-Opfers in den Häusern verteilt wurden. Wer da nicht wohnte, bekam nichts davon mit. Es sind 20-40 auflagige Infos.

Ein Gesamtblick zur Kundgebung und den Infos im Vorfeld gibt es auf dem Blog www.sternschanze1942.de. Im Vorfeld der Kundgebung, die an die Deportation der jüdischen Menschen am 15. und 19. Juli 1942 erinnern soll, ist der Versuch, über eine Finanzierung eines Stolperstein für die Familie Spitzkopf ins Gespräch zu kommen. Hier der Wortlaut meiner Nachbarschafts-Info.

Die Familie Spitzkopf aus der Vereinsstraße 7 (die damaligen Mietshäuser gibt es heute nicht mehr): Richard Spitzkopf, geboren am 7. April 1877 in Prerov/CSR und Auguste Spitzkopf, Auguste Spitzkopf, geborene Bodenstein, sie kam am 14. August 1879 in Ostrau/CSR zur Welt. Sie hatten sechs Kinder und wohnten seit 1906 in der Vereinsstraße 7. 

Richard war von Beruf Wachmann, erkrankte psychisch und lebte bereits seit den 1920 Jahren im Staatskrankenhaus Langenhorn. 1931 wurde er in die Nervenheilanstalt Kleischer Wald in Bodenbach/Sachsen eingewiesen. Auguste sorgte sich seit dem alleine um ihre Kinder. Die Familie wuchs in der Zeit des 1. Weltkrieges auf. Dafür stehen Stichworte wie Massenarbeitslosigkeit und Hyperinflation. Sie lebten in dieser Zeit immer wieder von der Fürsorge. Alle ihre Kinder erlernten einen Beruf, aber Arbeitslosigkeit und minimale Fürsorge bestimmte ihren Kampf ums Überleben. Drei ihrer Kinder, Irene, geboren am 6. Mai 1903, Alice geboren am 13. Juni 1906 und Sophie, geboren am 28. Februar 1897, überlebten den Holocaust. Die drei anderen, Alfred, Kurt und Gertrud – und deren Familien – wurden von den Nazis vernichtet, weil sie Juden/innen waren. Ihre Mutter, Auguste Spitzkopf wurde auch am 8. November 1941 nach Minsk deportiert. Dort verloren sich ihre Spuren und sie wurden am 8. Mai 1945 für Tot erklärt.

Bezüglich der ermordeten Kinder von Auguste Spitzkopf konnte ich folgendes herausfinden: Alfred Spitzkopf, war am 17. März 1910 in Hamburg geboren. Sein letzter Wohnort war Hütten 61. Er war mit Ruth Peters, geboren am 23. Februar 1915, seit dem 27. Juli 1938 verheiratet. Seit dem 1.10.1938 wohnten er nicht mehr in der Vereinsstraße 7. Er hatte eine Tochter, Eva Maria Seifert (geboren am 24. Juni 1930), aus einer anderen Beziehung, für die er Verantwortung übernahm (diese Tochter überlebte den Holocaust aber nicht). Von Beruf war Alfred Elektro-Schweißer. Er ging von 1917 bis 1925 in die Talmud-Thora Schule. Von 1925 bis 1929 absolvierte er eine Maschinenbauer-Lehre bei den Filterwerken Neptun AG in der Lagerstraße. Bis 1933 arbeitete er hier als Geselle. Nach der Machtübernahme des NSDAP wurde er aber wegen seiner jüdischen Religion entlassen. Zeitweilig wohnte er in der Osterstraße, zog aber wieder in die Vereinsstraße zurück. Nach seiner Heirat lebte er in den Hütten 61. 

Das Leben der Familie Alfred Spitzkopf war durch ihre Zugehörigkeit zur jüdischen Gemeinde immer wieder prekär. Während es durch die Planung und die Aufrüstung für den Krieg in der NS-Zeit eine Hochkonjunktur gab und die „arische Bevölkerung“ Beschäftigung hatte, wurden die jüdischen Menschen ausgegrenzt. Bis 1935 war Alfred arbeitslos, ab dem 21. Juni 1935 bis 1.3.1938 bekam er einen Job bei Blohm & Voss als Schweißer. Ab 1940 bis Herbst 1941 arbeitet er bei der Firma Kampnagel. 

Kurt Spitzkopf war am 11. Dezember 1914 in Hamburg geboren. Er ging von 1921 bis 1929 in die Talmud-Thora Schule. Vom 1.3.1929 bis 15.4.1932 absolvierte er eine Berufsausbildung zum Bäcker. Bis 30.09.1935 war er hier als Geselle beschäftigt. Ab September 1935 bis 1940 war er arbeitslos, da das Unternehmen, in dem er beschäftigt war, einen jüdischen Eigentümer hatte. Die” Arier” kauften aber nicht mehr bei ihnen, so dass es wenig Beschäftigung gab. 1940 musste er Zwangsarbeit bei der Hanfspinnerei Steen & Co. im Rahmen von „Judeneinsätzen“ auf Anweisung des Arbeitsamtes verrichten. Er wohnte bei seiner Mutter in der Vereinsstraße 7, zusammen mit seiner Schwester, Gertrud und dessen Sohn Heinz (17.Januar.1934) in einer zwei Zimmern. In einem Bericht aus 1937 schrieb eine Sachbearbeiterin nach einer „Überprüfung“: Für die vier erwachsenen Familienmitglieder sind nur 3 Betten und ein Kinderbett vorhanden (12.5.1937) Ein Zimmer wurde wöchentlich untervermietet. Kurt heiratete später Charlotte Rosenblum, die mit ihm dann auch in der Vereinsstraße 7 lebte. 

Das Gesundheitsamt hat eine „Heiratserlaubnis“ für Gertrud Spitzkopf1937 wegen ihrer jüdischen Identität verweigert. Dennoch heiratete sie kurze Zeit später Friedrich Schapira, geboren am 26.10. 1889 in Trier. Beide wurden am 23. Oktober 1941 nach Lodz deportiert. Im Januar 1942 begannen von dort die Deportationen zur Vernichtungsstätte Chelmno, in der die Juden in Gaswagen ermordet wurden. 

Ein Stolperstein erinnert vor der Haus Henry Polle

Bereits heute erinnert ein Stolperstein vor der Vereinsstraße 7 an Henry Polles. Er wurde am 8. November 1941 nach Minsk deportiert. Er wurde am 24. Januar 1945 im KZ Neuengamme von den Nazis ermordet.

Bei der Finanzierung eines Stolpersteines behilflich sein

In Hamburg, in Deutschland und in ganz Europa gibt es zehntausende von Stolpersteinen, die an die NS-Opfer erinnern. Es ist das größte regionale Kulturdenkmal in Europa. Die Stolpersteine leben von den Menschen, die sie als Pate/Patin die finanzieren. Die Stolpersteine für die vier Mitglieder der Familie Spitzkopf gibt es noch nicht, aber vielleicht kann ich Sie dafür gewinnen, diesen Stein mit finanzieren? Auf der Web-Seite www.stolpersteine-hamburg,de können Sie sich unter der Rubrik „Pate/Patin werden“ informieren. Um einen Stein zu ermöglichen, kostet es 120 Euro.

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